Zwischen Sonne und Bären

Die Universität in Jena hat seit 1558 eine wichtige Bedeutung für Thüringen. Kaum jemand weiß jedoch, welche Relevanz Jena für die Reformation hatte, und dass auch die Uni als Folge dieser entstanden ist.

Von Paula Swade und Maximilian Lilienthal

 

Uta Lörzer weiß als eine der Wenigen, wie das Jena der Vergangenheit aussah. „Leider ist vielen Gästen nicht bewusst, dass Jena als Stätte der Reformation etwas bietet“, findet sie. Die Stadtführerin, die bei ihren Führungen in verschiedene Rollen schlüpft, bietet auch einen Rundgang als Anna von Herden zum Thema Jena in der Reformationszeit an. Sie hat 2001 einen Gästeführerkurs absolviert und ist seitdem selbstständige Stadtführerin „mit eigener Homepage, Flyern und Firmennamen jena4you“.

Wir sind zurück versetzt in die Reformationszeit, genauer gesagt ins Jahr 1548. Luther ist vor zwei Jahren gestorben, doch seine Ideen leben weiter. Wir treffen Anna am Marktplatz. Dort steht das Gasthaus Zur Sonne, in dem sie als Frau des Gastwirtes und Ratsherren arbeitet. Sie trägt ein grünes Leinenunterkleid und brombeerfarbenes Überkleid mit aufgesetzter Borte. Auf ihrem Kopf sitzt eine einfache Stoffhaube, denn sie ist ja unter der Haube, also verheiratet.

In ihrem Gasthof sind die Visitatoren abgestiegen, die nach der Reformation umher reisten, um zu überprüfen, wie weit die Gemeinden reformiert sind. Davon kann Anna viel erzählen, denn sie konnte bei deren Gesprächen in der Wirtstube lauschen. Wie sie berichtet, sind es immer zwei Theologen und zwei Juristen, die sich, durch den Landesfürsten beauftragt, alle Kirchen in Jena und deren Gottesdienste genau ansehen.

Zunächst gehen wir zum Rathaus, denn die auswärtigen Gäste müssen angemeldet werden, wie es damals üblich war. Anschließend zeigt sie das ehemalige Dominikanerkloster (heute Collegium Jenense), welches wie alle anderen Klöster in Jena in Folge der Bauernkriege aufgelöst wurde. Hier wurde die Hohe Schule gegründet, die zehn Jahre später das Universitätsrecht erhalten wird. Die Gründung der Hohen Schule fand statt, weil Friedrich I., bekannt als Hanfried, in seinem Kampf für das Luthertum von einer Übermacht von 20.000 Mann geschlagen wurde. Durch diese Niederlage verlor er zwei Drittel seines Herrschaftsgebietes, darunter auch die Universitätsstadt Wittenberg. Um diesen Verlust auszugleichen, musste eine neue Universität gegründet werden und Jena sollte neues Zentrum der Reformation werden.

Wichtiger ist es Anna hier jedoch, über die Veränderungen durch die Reformation zu sprechen. Anna ist, wie viele Menschen der Zeit, verunsichert. Mit der Reformation sind die Mönche weg, sie fragt sich, was nun mit den Seelen ihrer Schwiegereltern im Fegefeuer passiert, da niemand mehr die Totenmessen liest. Diese Messen dienten dazu, dass die Seelen der Toten es ein bisschen leichter haben. Gleichzeitig füllten sie die Kassen der Kirche, denn die Stifter der Messen zahlten für diese. Anna berichtet zudem von einer der Ursachen für die Reformation, dem Ablasshandel und von katholischen Bräuchen wie der Krautweihe und dass sich das jetzt geändert hat.

Auf dem anschließenden Weg zum Gasthaus Schwarzer Bär kommen wir an dem Ort vorbei, in dem heute die erste gedruckte Lutherausgabe gelagert wird, der Thulb. In dieser werden neben eben genannter Lutherausgabe – die bereits 1555 in Jena im ehemaligen Karmelitenkloster gedruckt wurde, um vor den Wittenbergern eine Ausgabe zu publizieren – auch Handschriften Luthers archiviert. Die Überreste des Karmelitenklosters, das 1414 vor den Stadttoren gegründet wurde, befinden sich am heutigen Engelplatz und werden derzeit restauriert. Ab Ostern kann Anna ihren Gästen auch diesen historischen Ort zeigen.

An der Herberge Schwarzer Bär angekommen, berichtet sie über die berühmte Anekdote, wie Luther im Frühjahr 1522 dort inkognito abgestiegen ist. Wer heute das Hotel Schwarzer Bär betritt, wird zu seiner rechten Seite ein riesiges Gemälde sehen. Dieses Gemälde stellt einen Abend Anfang März 1522 dar. An jenem Abend sollen zwei Schweizer Studenten, welche nach Wittenberg pilgerten, um bei Luther zu studieren, bei Regen in den Schwarzen Bären eingekehrt seien. Dort trafen sie Martin Luther, welcher als Junker Jörg verkleidet war und sie an seinen Tisch einlud. Sie unterhielten sich und gestanden dem Fremden, dass sie auf dem Weg nach Wittenberg waren, um Luther zu treffen. Dieser bat die beiden, doch ein paar Grüße nach Wittenberg auszurichten und empfing sie einige Tage später, als die beiden in Wittenberg angekommen waren, als Martin Luther.

Am 21. August 1524 war Luther ein weiteres Mal in Jena, um in der Stadtkirche gegen Thomas Müntzer zu predigen, dessen Ansichten Luther als zu radikal empfand. Während der Predigt soll er Andeutungen gemacht haben, die seinem Doktorvater Andreas Rudolf Bodenstein, auch Karlstadt genannt, auf eine Ebene mit Müntzer stellten. Dieser suchte das Gespräch mit Luther und gemeinsam kehrten sie zum Mittagessen in den Schwarzen Bären ein.

„Luther begrüßt Karlstadt und lässt ihn sich gegenüber setzen und dann fangen die beiden an, einen heißen Disput zu haben“, so Prof. Christopher Spehr von der Theologischen Fakultät der FSU. Dieser Disput wurde schnell in der Stadt bekannt und jeder, der einen Namen hatte, wollte anwesend sein, wenn Luther und Karlstadt miteinander diskutierten. Anna von Herden kann nur das berichten, was sie von anderen gehört hat, da sie als Frau auf dieser Veranstaltung nichts zu suchen hatte. Scheinbar haben Luther und Karlstadt sich darauf geeinigt, uneinig zu sein, und Luther hat Karlstadt dazu ermutigt, weiterhin eine andere Meinung zu haben und ihm als Zeichen seiner Anerkennung eine Goldmünze überreicht.

Als nächstes führt uns Anna zur Stadtkirche, die man sich zu Luthers Zeiten noch ohne Gestühl vorstellen muss. Weil es kalt ist, hat sie sich ein dunkles Wolltuch über die Schultern gelegt. Hier ist heute Luthers originale Grabplatte zu sehen. Diese sollte nach seinem Tod ursprünglich nach Wittenberg gebracht werden, doch als die Stadt nach dem Schmalkaldischen Krieg in gegnerische Hände fiel, wurde die drei Meter hohe Grabplatte über Weimar nach Jena gebracht.

Am Ende der kleinen Führung haben die Gäste die Möglichkeit, ein kurzes Orgelkonzert zu hören und kleine Kostproben aus Annas Küche zu genießen, zum Beispiel Gebäck und Würzwein, wenn der Gulden denn locker genug sitzt. Wir verabschieden uns von Anna, die anschließend ins Gasthaus eilt, um dort in der Küche nach dem Rechten zu sehen.

Zeichnung: Martin Emberger

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