„Die Kinder des Dorfes waren spurlos verschwunden.“ Ein Schicksalsschlag für die Bewohner und ein Phänomen für Physiker im Kinofilm Wir sind die Flut.

Von Charlotte Wolff

Meeresrauschen, Wasser, Watt und eine Stimme, die erzählt. Das Bild wechselt zu einer Disco, zurück zum Strand, zu einem Mädchen im Bus.
Vor 15 Jahren folgte am Strand von Windholm auf die Ebbe keine Flut. Sie blieb aus, hinterließ eine Leere, die seitdem wie eine dunkle Wolke über dem Dorf liegt. Denn nicht nur das Wasser ist verschwunden, mit ihm auch alle Kinder. Alle bis auf Hanna.

Der Kinofilm Wir sind die Flut beginnt mit der Frage, wohin das Meer verschwand. Sie führte zur Gründung einer universitären Forschungsgruppe. „Warum ist das Wasser verschwunden?“ Von einer Gravitationsanomalie ist die Rede, doch weiter sind die Forscher noch nicht gekommen.
Micha ist Physiker, ein Nachwuchswissenschaftler, und er ist überzeugt, eine Erklärung für das Phänomen finden zu können. Doch der Forschungsauftrag wird ihm verweigert und so begibt er sich heimlich in das Sperrgebiet, das das Dorf seitdem ist.

Der Aufenthalt dort entfernt sich schnell vom Vorgang des reinen Forschens. Micha hat nur die Wissenschaft im Kopf, was das Ereignis für die Dorfbewohner bedeutete, interessiert ihn nicht. Langsam und nachdem er auf Hanna trifft, löst sich etwas in ihm. Die Macht der Möglichkeiten tritt aus der vergessenen Kindheit hervor.

Soweit ist die Handlung stringent. Doch es fasziniert während des laufenden Filmes zu bemerken, wie viele Facetten sich hinter diesem Geschehen verbergen. „Die leere Ebene des Watts beispielsweise lässt der Film bildgestalterisch bewusst offen“, sagt Produzent Edgar Derzian. Selten kann auf so viele Arten richtig interpretiert werden. Und das mit voller Absicht. „Soll ich diesen Film emotional oder rational interpretieren“, fragt ein Kinobesucher nach der Vorpremiere am 26. Oktober im Kino am Schillerhof. Darauf gibt es keine Antwort. Für Derzian beispielsweise geht es darum, die Fähigkeit eines Kindes, den Glauben, alles schaffen zu können, im Erwachsenenalter zurück zu gewinnen. Micha hat diese Eigenschaft verloren, er lebt nur für seine Forschung. Zurück bringen ihn die verlorenen Kinder. Die Spur, die sie hinterlassen haben und der er nun folgt. Er zieht die Gummistiefel aus, steht barfuß im Watt , den Blick auf ein Kind im Dunst gerichtet.

„Einer ist hinausgegangen und hat die Flut zurück gebracht.“

Die Beantwortung der Frage, was da genau geschieht, bleibt jedem selbst überlassen. Manche Zuschauer sehen in dem Verschwinden das Loslassen der Eltern von ihren Kindern. Für andere  symbolisiert die Geschichte das Ausziehen der Jugend aus den Dörfern.
Eine gegenteilige Assoziation kommt auf, wenn man Mattis Kinderstimme auf dem Tonband hört. Matti, das Kind im Dunst, ist auf andere Weise, doch zur gleichen Zeit verschwunden. Er  wusste scheinbar, was kommen wird. Seine Rolle erscheint schrittweise und klärt sich erst am Ende des Filmes. Wie Peter Pan, der Junge der nie erwachsen werden wollte, spricht er davon, dass er in ein Land gehen wird, in dem man nicht erwachsen und nie sterben wird und dass die Kinder ihm folgen werden. Es ist die Hoffnung der Eltern, dass ihre Kinder jetzt an einem Ort wie dem Nimmerland sind. Es lässt sie schlafen.

Doch gleich auf welche Weise der Film gesehen und empfunden wird, er holt den Zuschauer ab. Denn jeder hatte eine Kindheit und eine Zeit, in der er sich von ihr löste.
Auch für die Darsteller hebt sich das Drehbuch von anderen ab. „Ich war so gerührt. Oft fange ich an zu lesen, lenke mich dann aber ab. Als ich dieses Buch las, konnte ich nicht aufhören. Das war ein warmes, schönes Gefühl. Besonders. Nicht so schlicht“ sagt Lana Cooper, Darstellerin von Jana, Michas ehemaliger Kollegin.

Besonders ist bei diesem Film nicht nur das Drehbuch, sondern auch dessen Entstehung. Dieser Film ist das erste gemeinsame Projekt der Filmakademie Baden-Württemberg und der Filmuniversität Babelsberg. Vier Diplomarbeiten stecken darin. Ein großes Budget hatte das Projekt nicht, was man ob der hohen Qualität aber nicht merkt. Vielleicht sind auch gerade die unkonventionelle Arbeit und die Einsatzfreude, mit der der Film kreiert wurde, dafür verantwortlich, dass hier etwas Besonderes geschaffen wurde.

Das Ende ist wie der ganze Film vielschichtig. Das Leben hat sich für alle erneut geändert. Auch Hanna schließt mit der Vergangenheit ab. Ihr letzter Satz „Sie können ruhig weiter fahren, das war meine letzte Tour“, lässt den Zuschauer mit der Hoffnung zurück, dass die dunkle Wolke dabei ist, sich aufzulösen.
Ein Film, der schwer zu fassen ist, zum Nachdenken anregt. Manche werden das Gefühl haben, ihn verstanden zu haben, andere lassen sich einfach mitnehmen und einfangen.

Wir sind die Flut
Regie: Sebastian Hilger
Ab 10. November im Kino am Markt

Foto: DerzianPictures, SHPN3