Fast jeder kennt die Geschichte des 7-jährigen Mädchens, das ins Wunderland kommt, auf das sprechende weiße Kaninchen trifft und sich in einer Welt voller Absurditäten und Widersprüche wiederfindet. Doch fast keiner weiß, was es mit der verrückten Welt auf sich hat. Ist das Wunderland vielleicht eine Folge des Drogenkonsum?

Die studentische Theatergruppe “ZINK” führt am 11., 12. und 13. November um 20 Uhr im Momolo-Zirkuszelt eine selbst entwickelte Theaterversion von “Alice im Wunderland”. Zur Premiere am 6. war unsere Redakteurin da und hat sich mit ins Hasenloch ziehen lassen.

Von: Stefanie Swann

Es beginnt im Dunkeln. Wir hören mystische Musik und eine Stimme. Sie erzählt von ihrer Reise, eine komische Reise, ein Fall durch einen langen Tunnel. Dann ein lauter Schlag, Licht geht an und sie sitzt da. Alice.

Am Sonntag den 6. November verwandelte sich das Momolo Zirkuszelt in Jena für alle Menschen ohne Nicht-Einladung in ein Wunderland. Grund dafür war die Premiere des Klassikers „Alice im Wunderland“ aufgeführt vom überwiegend studentisch geprägtem Theater Zink unter der Regie von Johanna Bergk und Marcel Buß.

Fast jeder kennt die Geschichte des 7-jährigen Mädchens, das ins Wunderland kommt, auf das sprechende weiße Kaninchen trifft und sich in einer Welt voller Absurditäten und Widersprüche wiederfindet. Doch fast keiner weiß, was es mit der verrückten Welt auf sich hat. Theater Zink bietet dem Zuschauer dafür den Ansatz einer Lösung. Ist das Wunderland vielleicht eine Folge des Drogenkonsums? Das Verhalten der verrückten Teegesellschaft legt es nahe. Neu interpretiert machen Parodien auf Philosophen, veganen Bio-Tee und Jugendslang den Klassiker zu einem neuen Stück. Und statt Schach wird einfach Twister gespielt. Auch Flaschendrehen mit Popelessen fehlt nicht.

Doch Theater Zink distanziert sich nicht nur von der ursprünglichen Geschichte, sondern behält das eigentliche Thema bei: Der Selbstfindungsprozess im Kinder- und Jugendalter. Drei verschiedene Schauspielerinnen verkörperten die wachsende und schrumpfende Alice. Zu Schluss treten alle drei gemeinsam auf und verwirren damit die Königin. Denn wer ist eigentlich diese Alice? Hier wird klar: keine Internet- und Telefonanbieterin.

Die Aufführung kam beim Publikum gut an. Immer wieder durchbricht das Gelächter der circa 120 Anwesenden das Schauspiel und selbst kommunikationsarme Szenen haben Witz, indem die Schauspieler mit Mimik und Gestik spielen. Unruhig wird das Publikum während des langwierigen Dialogs der Teegesellschaft über Tee. Doch schon kommt wieder Leben ins Schauspiel, indem fast alle Rollen die Bühne betreten und allgemeines Chaos die Situation beherrscht. Auch ein Raunen geht öfters durch den Saal, das Publikum fühlt mit der kleinen Alice. Marcel Buß ist zufrieden mit der Leistung der Schauspieler, sie sollen kleine Pannen gut überspielt haben. Zu Recht, denn dem Publikum blieben diese verborgen.

Dieses begeisterte sich viel mehr an den Kostümen der 19 Schauspieler, welche wie das Bühnenbild größtenteils selber entworfen und genäht wurden. Nur vereinzelt war Kritik zu hören, die Kostüme hätten pompöser sein können, wie etwa das Kleid der Herzkönigin und auch die Kulisse war eher zaghaft gestaltet. Es ist verwunderlich wie dennoch ohne viele Requisiten, sondern nur mit einer magischen Geschichte und guten Schauspielern, ein Zirkuszelt in ein Wunderland verwandelt werden kann.

Besonders angetan waren die Zuschauer von der bekifften Raupe, die vor einem Pilz lag, manchmal gern ein Pils trinkt und so ganz einfach zum lustigen Philosophen wird. Der Reim des dichtenden Eis über den flautenden Bimsel im Wauselkleid, der den Schrautenflot verkeckt, kommt der verrückten Welt des Lewis Carroll sehr nahe. Doch wer die Originalgeschichte kennt, weiß, dass im Wunderland nicht nur Spaß und Spiel herrschen, sondern es auch seine düsteren Seiten hat und Brutalität vorherrscht. Aufgrund dieser Ambivalenz begeisterten sich Marcel Buß und Johanna Bergk für die Geschichte und bieten dem Publikum eine interessante Spannung zwischen Gag und Gesellschaftskritik.

Nach zwei Stunden Absurdität und wirrem Gerede geht das Licht aus. Der Besucher tritt eher widerwillig entlassen aus dem Zelt, denn eine entscheidende Frage bleibt gewollt im Dunkeln: wer ist eigentlich diese Alice?