Wirr ist das Fußballvolk

Wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft scheint die Begeisterung um „Die Mannschaft“ verflogen zu sein. Dabei ist sie die beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten. Ein Kommentar

Von Christoph Renner

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist Weltmeister. Die Stimmung bei ihren Heimspielen ist trotzdem seit Monaten dröge. Im letzten Testspiel vor der EM gegen Ungarn  vergangene Woche herrschte im Stadion Totenstille. Kaum Fangesänge, in langweiligeren Phasen sogar vereinzelte Pfiffe. Bei den beiden deutschen Toren (2:0 Sieg) zuckte man zusammen, als plötzlich in das kollektive Schweigen hinein verboten laut die furchtbare Hymne „Schwarz und Weiß“ von Oli Pocher ertönte.
Erfolg und Disziplin der Nationalspieler sind offenbar für Fußball-Deutschland nicht der Maßstab. Im Stern stand neulich, „Die Mannschaft“ sei ein „seelenloses Gebilde“ geworden, die Spieler hätten zu wenig Ecken und Kanten, wirkten angeblich wie programmierte Roboter.

Klingt so, als sei früher alles besser gewesen. Als der Ball noch rund war, als Franz Beckenbauer nur „Geht’s raus und spielt Fußball“ zu sagen brauchte, als „Effe“ den Fans noch den Mittelfinger zeigte. Auch Rudi Völlers Entgleisung als Bundestrainer gegen den ARD-Reporter Waldemar Hartmann – „Waldi, du sitzt hier ganz entspannt, hast drei Weizenbier getrunken“ – war lustig, doch damals spielte die DFB-Elf immer wie unter Alkoholeinfluss.

Toni Kroos macht keine markigen Sprüche. Aber Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann wacht heute noch  schweißgebadet auf, wenn er von Kroos’ Pässen träumt: Im Traum fühlt er sich beinamputiert.
Toni Schuhmacher, später Jens Lehmann und Oliver Kahn, waren Typen. Der Erste foulte Patrick Battiston im WM-Halbfinale 1982 absichtlich so schwer, dass dieser zwischenzeitlich in Lebensgefahr schwebte. Er war ihm mit dem Gesäß voran aus vollem Lauf ins Gesicht gesprungen. Schuhmacher entschuldigte sich nicht, sagte aber, er würde dem Franzosen die Jacketkronen bezahlen.

Jens Lehmann meinte vor einiger Zeit, er wolle keine homosexuellen Mitspieler bei sich in der Mannschaft, denn die könnten ihn unter der Dusche nackt sehen. Oliver Kahn ist weniger von seiner Anziehungskraft auf Homosexuelle überzeugt, dafür aber ein Wichtigtuer. Manuel Neuer dagegen ist ruhiger und besser als seine Vorgänger. Und im Gegensatz zu Oli Kahn klebt er auch nicht auf der Linie wie früher die Schalen der Bananen im Strafraum, die dem „Titan“ zuvor um die Ohren geflogen waren.

Joachim Löw ist seit zehn Jahren Bundestrainer, er ist erfolgreicher als alle seine Vorgänger. Er ist nicht, wie Helmut Schön 1974, aus purem Glück Weltmeister geworden. Seine Spieler fallen nachts nicht alkoholisiert von den Stühlen, beschmeißen keine Fans mit Wasserbeuteln und verschieben keine Spiele, wie damals 1982 unter Jupp Derwall. Jogi Löw war nie Nationalspieler. Er kann deshalb  nicht, wie Ex-Bundestrainer Berti Vogts, zu den Eskapaden seiner aktiven Zeit beim DFB befragt werden, um dann zurückzublaffen: „Breitner war es doch, der zu besoffen war zum Trainieren.“

Zu Beginn seiner Trainerzeit beim DFB wurde Jogi Löw gefragt, ob die deutsche Nationalmannschaft nicht wieder zurück zu den „deutschen Tugenden“ müsse. Deutsche Fußball-Ideale: den Mann stehen, rennen, nicht aufgeben. Löw hält nichts von der alten Männlichkeit: „Rennen kann jeder. Das ist so, als würdest du einem Schuljungen sagen: Du musst das Einmaleins lernen, dann wirst du  Mathematikprofessor.“

Über das fußballerische Einmaleins ist die heutige Nationalmannschaft weit hinaus. Ihr filigranes Passspiel bietet  für die Kneipen der Republik weniger  Identifikationspotenzial als die Blutgrätsche der guten alten Zeit.  Doch Fußballer, die oft grätschen müssen, müssen grätschen, weil sie zu langsam für den Gegner sind.  Und das Gefühl, mit Veränderungen nicht Schritt halten zu können, hat so mancher in letzter Zeit.

Den Deutschen geht es heute so gut wie nie. Der Erfolg des aktuellen DFB-Teams steht nicht zuletzt dafür. Es ist ein trauriges Dasein, das die Baslers, Brehmes, oder  Bertholds dieser Fußballrepublik fristen. Sie müssen ihr Selbstwertgefühl aus einer angeblich glorreichen Vergangenheit ziehen, die von der Gegenwart in den Schatten gestellt wird. Bei kaum einer Gruppe vereinen sich der Frust über den eigenen Bedeutungsverlust und die Angst, im Jetzt abgehängt zu werden, so augenscheinlich wie bei diesen Ex-Profis.
Sie waren es, die vor der WM 2014 der Nationalelf prophezeiten, sie werde keinen Titel holen; zu flache Hierarchie, es fehlten Typen. Typen wie sie.

Foto: Screenshot YouTube

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