Mach es selbst

Gute Arbeiten müssen nicht verstauben und noch weniger von anderen zweckentfremdet werden – über die Möglichkeit, in studentischen Zeitschriften zu publizieren.

Von Jessica Bürger

Vanessa, 22, sitzt an ihrem Laptop, Stift und Block akkurat auf dem Schreibtisch platziert. Sie recherchiert für eine Hausarbeit und braucht dafür noch ein Schaubild. Diese baut sie immer ein, zur Veranschaulichung. Mit einem Mal hält sie verwirrt inne und klickt eines der Bilder an. Sie vergrößert das Bild, sieht es sich genau an und ist sich sicher: Dies ist ein Teil ihrer Hausarbeit ein Semester zuvor. Nur, dass sie es weder zur Veröffentlichung freigegeben, noch selbst publiziert hat. Zwei Klicks später hat Vanessa herausgefunden, wie das geschehen konnte. Ihr Dozent, dem sie ein Vorab des Schaubildes geschickt hatte, hat es in seine eigene Arbeit eingebaut und veröffentlicht. Vanessas Name hingegen ist nirgendwo zu finden. Niemand weiß, dass sie die Urheberin dieses Bildes ist.
Gegen das Vergessen der eigenen Arbeit
Dieser Fall von Urheberrechtsverletzung ist fiktiv und doch real, da Dozenten immer wieder die Arbeit ihrer Studenten als ihre eigene ausgeben. Die erste große Veröffentlichung, die ein Student vornimmt, ist meist die Masterarbeit. Bachelorarbeiten freizugeben ist eher unüblich, weil sie noch keine so hohe Qualität haben. Manch einer bindet seine Hausarbeit für die Großeltern, deren Geburtstag man vergessen hat und die sich etwas Persönliches gewünscht haben. Doch im Großen und Ganzen werden Hausarbeiten beim Dozenten abgegeben, bewertet, ab und zu noch einmal eingesehen, um dann in den schummrigen Archiven der Universitäten zu verschwinden. Viel Arbeit für einen sehr kurzen Zeitraum an Aufmerksamkeit gegenüber einer möglicherweise neuen wissenschaftlichen Erkenntnis.
Genau das Gleiche hatten auch die Begründer der SFP Jena im Sinn, als sie ihre Studentische Fachzeitschrift für Politikwissenschaft ins Leben riefen. „Wir wollen die Vielfalt der Hausarbeiten ans Tageslicht befördern, indem wir ein Portal zur Verfügung stellen, in dem bereits auf studentischem Niveau ein akademischer Diskurs entstehen kann“, so Joscha Oelgemöller, Mitherausgeber der SFP, die einmal im Semester erscheint. Das Projekt erlebte Ende 2014 ein Comeback, nachdem es zuvor im Sande verlaufen war. Seitdem steigt jedoch die Anzahl der Herausgeber, Gutachter und Einreichungen stetig.
Das Publizieren einer Hausarbeit bietet natürlich nicht nur eine Rettung vor einer Invasion an Staubkrümeln. Sie signalisiert Freiheit und bietet auch einen gewissen Grad an Sicherheit. Eine gute Arbeit zu veröffentlichen, würde zum Beispiel dem Dozenten die Grundlage nehmen, Inhalte unter seinem Namen zu verwenden.

Qualität zählt auch für studentische Zeitschriften

Was genau ist aber eine gute Arbeit? Was weist einen qualitativen Standard auf, der in einem Fachpublikum Zuspruch finden kann? Anne-Sophie Friedel von der Zeitschrift APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte – nennt hier allen voran eine saubere Arbeit, ein guter Schreibstil und eine wissenschaftliche Arbeitsweise.
Die Benotung durch den Dozenten verweist bereits auf die Qualität der Arbeit. Die SFP arbeitet mit einem sogenannten Doppelblindgutachten. Joscha beschreibt es so: „Es handelt sich um ein anonymes peer-review Verfahren, in dem die Gutachter anhand eines differenzierten Kriterienkatalogs die Arbeit bewerten.“
Darüber hinaus sollte der Student jedoch sicher gehen, dass seine Arbeit thematisch zur Themenidee der Zeitschrift passt, das Themenspektrum also übereinstimmt. Außerdem muss die Art der Veröffentlichung die Richtige sein. Will man eine Rezension, ein Essay oder einen Artikel publizieren? Findet ein Austausch zwischen den bereits veröffentlichen Arbeiten und Reaktionen darauf statt? Auch die SFP plant eine Interaktion zwischen Leser und Autor. „In Zukunft wollen wir im Internet eine Kommentar- und Forumsfunktion integrieren“, so Joscha. „Gerade die Studenten selbst sollen sich über ihre Hausarbeiten austauschen können.“ Studentische Fachzeitschriften sollen eine neue Form der Wissenschaftskommunikation darstellen, eine Vernetzung der Studentenschaft und die eigene Textproduktion ermöglichen. In Amerika zum Beispiel existiert eine ganz eigene Schreibkultur zwischen Dozent und Student, die etwas Handverlesenes hat und die es so in Deutschland nicht gibt. Die Zeitschriften wollten dies etwas abfangen.

Ein Einblick in die Disziplinen, Methoden und Ideen der Politikwissenschaft

Allgemein lohnt es sich auf für die Studenten, sich schon früh in akademischen Debatten . Diese Erfahrung könne man ebenso im späteren Berufsalltag nutzen, meint auch Joscha. „Die Studierenden sollen neue Einblicke in verschiedene Disziplinen, Methoden und Ideen der Politikwissenschaft bekommen.“ Außerdem werde ein besseres Verständnis von Aufbau und Inhalt von wissenschaftlichen Arbeiten vermittelt. Die Zusammenarbeit mit Dozenten ist nicht grundsätzlich abzulehnen. Professoren, Doktoranden, Master-Studenten, alle haben bereits mehr Erfahrung und Wissen gesammelt, als ein Student im zweiten Fachsemester. Sie leiten einen an, vermitteln ihr Wissen, unterstützen und geben Feedback. Seine Arbeiten jedoch zu publizieren, zeigt Eigenständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Man weiß von seinen Möglichkeiten und wie man mit ihnen umzugehen hat. Und je nachdem, wo man was veröffentlicht, macht es sich gut im Lebenslauf.

Foto: Tarek Barkouni

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