Die Botschaft ist Frieden

Was hat sich für Muslime seit dem Anschlag in Paris am 13. November verändert? Wie gehen sie damit um, dass ihr Glaube für Terror instrumentalisiert wird?

Von Annika Lobeck

Die Moschee des Islamischen Kulturvereins ist von außen nicht als solche zu erkennen. In einem gewöhnlichen Wohnhaus in einer Zwei-Zimmer Wohnung kommen gläubige Muslime zusammen, um gemeinsam zu beten und zu reden.
Im Eingangsbereich ziehen Ahmed Shah, Student der FSU, und ich unsere Schuhe aus. Houssam Zakkour, der Imam, kommt uns entgegen und bittet uns, im ersten der beiden Gebetsräume auf ihn zu warten. Es käme aber gleich noch Aysun Tekbaş, ein anderes Gemeindemitglied, mit der ich schon mal ein paar meiner Fragen klären könne.
Während wir warten, erklärt mir Ahmed, was im Raum nebenan geschieht. Der Imam liest aus dem Koran vor und erklärt entsprechende Textstellen. Bei meiner Frage, warum der Text gesungen wird, muss er lachen und erklärt mir, dass der Koran mit „schöner Stimme“ vorgetragen werden müsse. Inzwischen ist auch Aysun angekommen. Sie erzählt mir, dass sie noch recht neu in der Gemeinde sei. Es dürfe keine Berührungsängste geben und man sich müsse sich kennenlernen, sagt sie. „Die Leute sind so beeinflusst von der Berichterstattung, wodurch dann eben Missverständnisse und Vorurteile entstehen.“ Auf meine Frage, ob man nicht irgendwann den Mut verliert dem entgegenzutreten, lacht Aysun. „Nein. Man ist motivierter immer weiter zu machen, aber es ist nicht immer leicht. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und werde doch nicht immer als Bürger dieses Landes angesehen, das finde ich traurig.“
Ob sie das Gefühl hat, dass sich das seit den Anschlägen in Paris am 13. November noch ver­stärkt hat? Wenn sie an jenem Tag das Haus nicht hätte verlassen müssen, wäre sie drinnen geblieben. „Es ist zum Glück nichts passiert. Ich kann nur wiederholt sagen, meine Religion ist das nicht. Islam bedeutet übersetzt Frieden durch die Unterwerfung vor Gott.“ Sie betont auch, dass sich alle muslimischen Verbände öffentlich von diesen Attentätern distanzieren.

„Aufklärungsarbeit ist unbedingt notwendig“

Nach dem Gebet trinken wir Tee, essen Baklava mit anderen Gemeindemitgliedern und schweifen beim Gespräch immer wieder vom Thema und in theologische Diskussionen ab.
Ob es seit den Anschlägen gegenüber der Gemeinde negative Reaktionen gab? Ahmed berichtet von einer Frau, die aufgestanden und gegangen sei, nachdem er und ein afghanischer Freund sich in der Straßenbahn neben sie gesetzt hätten. Allerdings, fügt er hinzu, sei das das erste Mal gewesen, dass er so etwas überhaupt erlebt habe. Houssam berichtet, dass er und seine Frau kurz nach den  Anschlägen in Paris von einem Mann angepöbelt wurden. „Dann kam aber eine Frau auf uns zu, die den Vorfall gesehen hat, und meinte, wir sollten nicht auf ihn hören. Der Mann zeige damit nur seine Dummheit.“ Aysun meint: „Das sind dann die kleinen Lichtblicke, die zeigen: Was man an Negativem erlebt, sind eben doch Ausnahmen. Ich glaube, Sanftmütigkeit siegt am Ende immer. Wenn du auf Hass mit Hass reagierst, hast du nichts gewonnen.“
Houssam stellt sich die Frage: „Wenn sich jemand in die Luft jagt, kommt er dann in den Himmel oder in die Hölle? Satan will, dass alle Menschen in die Hölle gehen. Ein sogenannter Märtyrer will das Gleiche. Das ist aber nicht das Ziel des Propheten. Er will sie retten, deswegen ist das Töten im Islam verboten.“ Aysun erklärt mir: „Wenn ich dir etwas getan und mich nicht entschuldigt habe, kann Allah mir nicht verzeihen, bis du es getan hast. Die Menschen müssen untereinander Frieden schaffen. Allein dieses Prinzip passt nicht dazu, 100.000 Menschen zu töten.“

Unter Erklärungszwang

Ob sie das Gefühl haben unter Erklärungszwang zu stehen? „Immer. Man muss häufig Dinge erklären, mit denen man nichts zu tun hat“, meint Aysun. Sie sagt über die Vermischung von Religion und Terrorismus: „Das passiert ja alleine in dem Moment, wo von islamistischem Terror gesprochen wird. Beide Wörter zusammen sind völlig fehlplaziert.“
Alle in dem Raum sind sich darüber einig, dass Aufklärungsarbeit und das ständige Abbauen von Vorurteilen unbedingt notwendig ist, um zu zeigen, dass Gewalt, die „im Namen des Islam“ verübt wird, in keinem Zusammenhang mit der Religion steht. Der Wunsch, dass dieser Glaube und diejenigen, die ihn ausüben, nicht nur akzeptiert werden und die Menschen einfach nur als die Menschen, die sie sind, angenommen werden, wird in diesem Gespräch oft wiederholt.

Foto: Annika Lobeck

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