Der Stadtnarzisst

Eine Abrechnung mit Woody Allen

Von Lennardt Loß

In dieser Serie widmen wir vermeintlichen und echten Meisterwerken Liebeserklärungen und Hasstiraden. Diesmal: Woody Allen und Der Stadtneurotiker.

1976 drehte Woody Allen Der Stadtneurotiker, ein Meisterwerk und eine Zumutung. Ein Meisterwerk ist der Film, weil Woody Allen eine Story wiederbelebt, die zusammen mit Marilyn Monroe beerdigt wurde: die romantische Komödie.
Wie bei jeder romantischen Komödie passiert in Der Stadtneurotiker eigentlich nichts: Zwei Intellektuelle verlieben sich, 90 Minuten später ist die Liebe vorbei. Dazwischen tun sie das, was Intellektuelle in Manhattan so machen. Sie lesen, aber nicht irgendwas, sondern The New York Review of Books. Sie schauen vierstündige Dokumentarfilme aus Frankreich und besuchen fünfmal pro Woche einen Psychoanalytiker.
Und weil Der Stadtneurotiker ein Woody-Allen-Film ist, spielt Woody Allen sich selbst, nennt sich aber anders. Hier: Alvy Singer. Eigentlich spielt Woody Allen nicht, er plappert 90 Minuten durch – aus dem Off und auf der Leinwand. Das ist die große Leistung: Woody Allens rasende Stimme macht aus einer lahmen Liebesgeschichte intellektuelles Actionkino. Da fühlt sich ein Streit über den italienischen Regisseur Federico Fellini so mitreißend an wie ein Boxkampf zwischen Muhammed Ali und Joe Frazier.
Kino ist Therapie
Obwohl Der Stadtneurotiker eine Liebesgeschichte erzählt, ist der Film eigentlich eine One-Man-Show. Damit beginnt auch die Zumutung.
Verliebtsein ist ja immer auch eine Selbstinszenierung. Man trägt dick auf, erzählt Anekdoten spannender, als sie passiert sind und lässt die schäbigen Passagen aus.
Die Liebesgeschichte ist eigentlich dramaturgischer Kniff, um Woody Allens Kommentargeilheit zu rechtfertigen. Alvy Singer redet über Woody Allen redet über Woody Allen.
Das große Kommentieren beginnt bereits in der ersten Szene. Alvy Singer, gefilmt im Porträt schaut direkt in die Kamera, zerstört die Illusion Kino, weil er mehrere Minuten lang das Publikum anredet. Er stellt sich vor: Komiker in New York, Freud-Leser, Neurotiker, leichter Haarausfall, in Therapie, nicht mehr mit Annie Hall zusammen. Warum?
Der Stadtneurotiker ist der filmische Versuch, eine missratene Beziehung zu verstehen. Aus einzelnen Szenen ein Protokoll des Scheiterns zu erschaffen. Später erfährt das Publikum, dass sich Annie Hall von Alvy Singer getrennt hat, nicht umgekehrt. Damit wird der Film endgültig zur Therapiesitzung.

Kino ist Beichte

Nur ist eine Therapie kein romantischer Comedyfilm, sondern Krampf. Woody Allen bringt das Publikum zum Lachen, um es heimlich in die Therapeutenrolle zu drängen. Das kann nicht funktionieren, weil die Zuschauer keine Fragen stellen können – und eine Therapie ohne Fragen ist keine Therapie mehr, sondern eine Beichte.
Woody Allen hat einmal gesagt, Religionen seien ihm nichts wert, weil er nicht an Gott glaube. Doch beichtet er trotzdem, und zwar in seinen Filmen. Die Drecksarbeit übernehmen seine Figuren. Alvy Singer beichtet für Woody Allen, dass dessen Neurosen ihm jede Beziehung verderben. Wie bei jeder Beichte geht es nicht um die Absolution, sondern um die Abbitte: das Erzählen der Sünden. Es ist egal, ob der Adressat ein Priester hinter der Trennwand ist oder das Publikum vor der Leinwand. Vater vergib mir, denn ich habe gesündigt und der Filmprojektor rattert los.

Kino ist Macht

Nur gibt es ein Problem: Jeder Frame ist ein Fake. Kino ist noch verlogener als jede Beichte. Am Ende des Films verarbeitet Alvy Singer die gescheiterte Beziehung, indem er ein Theaterstück darüber schreibt. In diesem hat sich nicht Annie Hall von ihm getrennt, sondern er sie sitzen gelassen. Alvy Singer stilisiert, verdichtet, verändert sein Leben in einem Theaterstück. Genauso macht es Woody Allen in Der Stadtneurotiker.
In einer Szene wird der junge Alvy Singer von seiner Mutter zum Arzt geschleift: Er hat gelesen, dass das Universum expandiert. Das Leben erscheint ihm sinnlos. Deshalb macht er keine Hausaufgaben mehr. Doch: Kino ist Macht, Dramaturgie schenkt Bedeutung, 90 Minuten Sinn. An einer anderen Stelle fragt Alvy Singer einige Passanten nach Annie Hall – die wissen Bescheid. Im Film ist Woody Allen nicht mehr ein neurotischer Loser im unendlichen Universum, sondern der Mittelpunkt einer Welt, die er selbst erschaffen hat und in der jeder Statist weiß, wer Woody Allen ist.

 

Collage: Tarek Barkouni

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