Wege ins Studium

Hindernisse und Chancen für Flüchtlinge

Von Lynn Neubert

Delshad ist 22 Jahre alt, kommt aus Syrien und lebt seit März 2013 in Jena. Sein Deutsch ist so gut, dass er schon für den Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow übersetzen durfte. Selbstbewusst wirft er mir Regeln über Genitiv und Dativ an den Kopf und lässt mich ganz schön blöd aussehen. Umso absurder ist es, dass er schon zwei Mal durch den Sprachtest gefallen ist – der eine Bedingung dafür ist, dass Delshad in Deutschland studieren darf.


So wie ihm geht es vielen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen: Sie streben nach Sicherheit, Freiheit, einer besseren Zukunft. Dazu gehört oft auch der Wunsch nach einem deutschen Hochschulabschluss.

In Jena ist das möglich, und die Bedingungen sind gut: An der Friedrich-Schiller-Universität sind acht Prozent der Studienplätze für ausländische Studierende reserviert, 16 englischsprachige Master werden angeboten, zum Beispiel Molecular Medecine, Photonics oder Economies.
An der Ernst-Abbe-Hochschule sind derzeit über 600 ausländische Studierende eingeschrieben, dort kann man den englischsprachigen Master Scientific Instrumentation absolvieren. Jedem ausländischen Studierenden steht ein Mentor zu, der ihn bei Behördengängen und Wohnungssuche begleitet. Zahlreiche Hochschulgruppen von Uni und EAH organisieren Veranstaltungen, in denen Studierende aus aller Welt sich kennenlernen können.
Wenn man in Jena also erstmal immatrikuliert ist, scheint alles bestens zu sein. Doch auf dem Weg dahin gilt es, Hindernisse zu überwinden.

Große Erwartungen – Schwierige Voraussetzungen

Der Sprachtest ist für viele das größte Problem. Er erfolgt entweder im Rahmen von TestDaf oder DSH2 und besteht aus den Komponenten Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen. Ungefähr 1.200 Deutschstunden sind nötig, um das geforderte B2-Niveau zu erreichen.
Bei Delshad scheiterte es am Hörverständnis. „Der Sprecher hatte einen Dialekt und hat über ein medizinisches Thema gesprochen. Außerdem durften wir die Aufnahme nur einmal hören. Die Bedingungen sind unfair.“ Unfair ist auch, dass den Flüchtlingen die Hände gebunden sind, bevor sie eine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben.

Die deutsche Bürokratie

Während unseres Gesprächs witzeln wir beinahe darüber, dass die Asylpolitik das perfekte Beispiel für deutsche Kleinlichkeit und Bürokratie zu sein scheint. „Man kann vorher keine Sprachkurse machen, demnach ist es schwierig, sich zu integrieren“, erzählt Delshad.
Sein Abitur, das er in Aleppo gemacht hat, wurde ihm anerkannt – anderen geht es nicht so. Sie haben entweder ihre nötigen Unterlagen auf der Flucht nicht mitgenommen, sie verloren oder ihr Abitur entspricht nicht dem Deutschen. In dem Fall müssen sie ein studienvorbereitendes Jahr, ein sogenanntes Studienkolleg, in Nordhausen absolvieren, um sich dann an den Unis bewerben zu können.
Abi, Asyl und Sprache – das sind die Meilensteine des Erfolgs. Doch es gibt noch ein weiteres Problem. „Die Finanzierung ist oft ein Faktor, der die Flüchtlinge davon abhält, hier studieren zu können“, sagt Cornelia Dwars vom Internationalen Büro. „Die Vorbereitungskurse für die Sprachtests kosten pro Semester mehrere hundert Euro und auch die Lebenshaltungskosten während des Studiums müssen geleistet werden.“

Neue Perspektiven

Im Jahr 2015 hat sich gerade einmal ein einziger Flüchtling an der FSU eingeschrieben.
Das zeigt, dass viele noch in der Vorbereitungsphase sind und erst einmal in Jena Fuß fassen müssen. Sie lassen ihre Zeugnisse prüfen, nehmen an Infotagen teil und nutzen die Angebote der Gasthörerschaft. Gleichzeitig wird deutlich, dass Jena ein Kapazitätsproblem hat.
Das Interesse an Studienplätzen ist groß, die Behörden kommen mit den Asylanträgen nicht hinterher, die Sprachkurse sind überfüllt.
Doch es geht hier Schritt für Schritt voran. Ab 2016 soll das Bafög-Gesetz zugunsten der Flüchtlinge erweitert werden, mehr Kooperationen mit Sprachinstituten sollen zustande kommen.
Auch Delshad ist zuversichtlich. Er kann sein Maschinenbaustudium zwar immer noch nicht beginnen, aber die Zeit nutzt er, um studienvorbereitende Praktika zu machen. Gleichzeitig engagiert er sich für Flüchtlinge, begleitet sie zu Ämtern und übersetzt für sie. Trotz seiner Lage ist er froh, nach Deutschland gekommen zu sein. Wenn man hier erst einmal angekommen sei, fühle man sich unterstützt, sagt Delshad.
Jetzt muss er nur noch endlich diesen Sprachtest bestehen und dann steht seiner Zukunft hier nichts mehr im Weg.#

Foto: Lynn Neubert

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