Performance ist alles

Die „American Songbirds“ erkunden die Grenzen des Singer/Songwriter-Tums

von Sandra Vogel

Wie eine schwarze Masse erhebt sich die Bühne im schummrigen Blau des Volksbads. Wo früher platschendes Wasser zu vernehmen war, hallt heute ein gespenstiges „Ave Cuckoo“ von den Wänden wider. Es verkündet den Beginn des Konzertes der American Songbirds.

Unter diesem Namen reisten in den vergangenen Wochen die Musikerinnen Kyrie Kristmanson, Ashia Grzesik, Rachelle Garniez und Daisy Chapman durch Deutschland und Österreich. Im Laufe des Abends in Jena treten sie in unterschiedlichen Besetzungen auf: Klassisch solo, mit instrumentaler Unterstützung oder Background-Sängerinnen. Im Programm als beispielhafte Singer/Songwriter angekündigt, enttäuschen sie mit ihrer Eigenwilligkeit jegliche Hoffnungen auf einen romantischen Sommerabend mit Akustikgitarren-Schmalz. Stattdessen beweisen sie, dass die Doppelbezeichnung kaum zum Genrebegriff taugt.

Das erste Set füllt Cellistin Ashia Grzesik, die anhand ihrer polnischen Wurzeln Heimat und Identität erfragt. Passend dazu lädt sie mit einer esoterischen Geste die Ahnen des Publikums ein, ihrem Spiel im Volksbad zu lauschen. Neben ihrem Instrument setzt sie auch eine Loop-Maschine ein, um eine Illusion der Mehrstimmigkeit zu erzeugen. Offensichtliche Probleme mit der Technik und reißenden Bogenhaaren überspielt sie charmant.

Das nächste Set übernimmt Rachelle Garniez, die mit eigenwilligem Humor herkömmliche und experimentelle Akustik mischt. In einem scheinbar spontan erdachten Lied über den Ausflug zum Bodensee am Vortag erzählt sie von einem Sonnenstich. Nach imitiertem Dialog und dem Flehen nach ihrer Medizin lässt Garniez ihre Protagonistin versterben – indem sie mit ihrem Akkordeon das versagende Piepen der Herz-Rhythmus-Maschine nachahmt. Die ersten Gäste verlassen bereits nach ihrem ersten Lied das Konzert.

Die Kanadierin Kyrie Kristmanson spinnt den Bogen zur Favoritin des Abends. Mit raumfüllender Stimme trägt sie spirituell anmutende Lieder vor, zu denen sie nach einem Besuch europäischer Ruinen inspiriert worden sei. Das eigentliche Highlight des Abends ist aber Daisy Chapman, die als letzte auftritt. Die Britin ist wohl am ehesten mit dem sanften Singer/Songwriter-Image zu vereinbaren. A cappella beweist sie ihre kraftvolle Singstimme, wobei sie die anderen Songbirds unsichtbar begleiten. Ihre simplen Texte werden durch wunderschöne Melodien wettgemacht.

Die American Songbirds eint ihre Liebe zum Musizieren. Chapman bringt es auf den Punkt: „I see our performances as a way to getting to know each other’s music and watching it grow and expand.“ Auch wenn ihre unterschiedlichen Stile sehr speziell sind und die Texte größtenteils auf Wiederholung basieren, ist ihre Leidenschaft ansteckend. Es wirkt, als würden sie die Auftritte mehr genießen als das Publikum. Dabei sind sie aber so sympathisch, dass man am Ende des Abends nicht das Gefühl hat, Zeit verschenkt zu haben – sondern vier einzigartige Musikerinnen kennengelernt zu haben.

Foto: Holger John // Kulturarena
V.l.n.r.: Daisy Chapman, Kyrie Kristmanson, Ashia Grzesik und Rachelle Garniez.

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