Rausch ohne Reue

Schnaps trinken in Rumänien

von Lennardt Loß

Wer reisen mit einem Bildungsanspruch verbindet, ist ein Heuchler. Ich fahre ja nicht nach Frankreich, weil ich mich ernsthaft für bekloppte bretonische Schlösser interessiere. Und ich fahre schon gar nicht nach Italien, um noch beklopptere Ruinen zu besichtigen. Todlangweilig!

Ich fahre nach Frankreich und Italien, damit ich literweise Wein saufen kann, ohne mich schlecht zu fühlen. Nachher erzähle ich dann natürlich, wie beeindruckend die Sixtinische Kapelle war. Und wenn ich ganz viel Kultur habe, spreche ich das noch italienisch aus, Cappella Sistina.

Wer nicht als Heuchler dastehen will, reist deshalb nach Rumänien. Hochprozentiger Schnaps steht dort nämlich schon neben dem Frühstücksteller. Das ist jedenfalls ehrlich.

Schnitt: Thüringer Dorf-Kneipe. Skatrunde, natürlich mit den Farben des deutschen Blattes. Also nicht Pik, sondern Grün. Skatspieler Eins lehnt sich auf den Tisch, er ist der Typ Feinripp-Unterhemd, darüber schwarze Lederweste und Bierschaum am dünnrasierten Schnurrbart: „Rumänien? Bei den Zigeunern Urlaub machen? Da wirst du doch auf offener Straße am helllichten Tage ausgeraubt.“

Stimmt nicht. Ich war viermal in Rumänien, nur besoffen, also ein leichtes Opfer. Nie was passiert.

Alibi-Kulturausflüge kann man selbstverständlich auch machen. Bukarest ist beispielsweise mit 1,9 Millionen Einwohnern die sechstgrößte Stadt der Europäischen Union und die sechstgrößte Stadt der Europäischen Union hat haufenweise Museen.

In Transsilvanien können 14-jährige Nightwish– und Papa-Roach-Liebhaber Schloss Bran besichtigen, das Draculaschloss. Gut, Vlad III. Drăculea, Vorbild der Romanfigur, hat den Bau wahrscheinlich nie betreten. Vernünftige Entscheidung.

Allerdings dauern Abstecher aufs Land ein bisschen länger. Von Norddeutschland nach Transsilvanien fährt man ungefähr zwei Tage. Einen halben Tag bis zur ungarisch-rumänischen Grenze und dann nochmal die gleiche Streckenlänge, diesmal allerdings 24 Stunden Fahrzeit, weil Rumänien keine Schnellstraßen hat.

Die Zeit zwischen Museumsbesichtigung und Bier-Aufmachen, dieses nervige Dazwischen, ist in Rumänien nicht existent. Stellt man sich nicht ganz dämlich an, findet man schon einen Grund: „Puh! Das war vielleicht ne holprige, schlagloch-durchsetzte Straße. Darauf einen Kurzen! Toi toi toi.“ Rumänien ist großartig.

Foto: Alexandru Panoiu / flickr

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