Auf der Suche nach dem Glück

Ein mehr als 80 Jahre altes Stück über sehr aktuelle Probleme

von Corinna Hofmann

Mit Kasimir und Karoline eröffnete die Kulturarena das Theaterprogramm. Kasimir hat seine Arbeit als Kraftwagenfahrer verloren – er wurde „abgebaut“. Damit scheinen auch sein Selbstverständnis und sein Selbstbewusstsein dahin, er fühlt sich reduziert auf einen „armen Hund“. Seine Verlobte Karoline will das Oktoberfest genießen, Eis essen und Achterbahn fahren. Sie träumt von einem besseren Leben. Darüber kommt es zum Streit. Karoline sucht ihr Glück in einer Beziehung mit einem besser situierten Mann. Kasimir schließt sich Franz an, einem ehemaligen Kollegen mit kriminellen Neigungen, und seiner Freundin Erna, um seinen Kummer im Bier zu ertränken.
Der Zuschauer beobachtet, wie die Charaktere dazu neigen, andere und auch sich selbst auf den Beruf und die Fülle des Geldbeutels zu reduzieren, und wie sie leiden, wenn ihnen diese Identifikation genommen wird. Kasimir steht für die Opfer der Wirtschaftskrisen damals wie heute.

Karoline, die so gern zur „feinen Gesellschaft“ gehören möchte, erhascht im Verlaufe des Abends einen ernüchternden Blick hinter die Maske aus Glamour und Glitzer: Die Damen und Herren entpuppen sich als hemmungslos, schamlos und widerwärtig betrunken.

In der Summe kommt keiner der Charaktere gut weg. Jeder ist an seinem eigenen Wohlergehen interessiert und benutzt andere Menschen als Mittel zum Zweck. Echte Solidarität gibt es nicht, die Fähigkeit zum Mitgefühl ist den Charakteren weitestgehend abhandengekommen. Ab und zu blitzt ein guter Kern auf, doch immer wieder wird man enttäuscht. Wenn die Menschen, wie Erna glaubt, in Wirklichkeit gut sind, merkt der Zuschauer hier nur wenig davon.

Trotz dieser bitteren Botschaft ist Kasimir und Karoline alles andere als ein schwer verdauliches Lehrstück. Die Handlung ist spannend und dynamisch. Die Schauspieler spielen mit großem Einsatz, wenn auch die teilweise überzogen proletenhaft-derbe Darstellung Geschmackssache ist. Live-Musik von den Ugly Hurons sorgt für zusätzliche Action. Die bei Licht puristisch anmutende Kulisse wird in der Dunkelheit und mit Lichteffekten versehen zu einem stimmungsvollen Hintergrund.

Kasimir und Karoline wurde im Jahr 1932 uraufgeführt, doch wenn man sich die etwas altertümlich anmutende Sprache wegdenkt, könnte man meinen, die Tinte sei noch nicht ganz trocken. Insofern ist eine besondere Leistung der Kulturarena, ein Stück ausgewählt zu haben, das in der heutigen Zeit, in der Europa und die Welt von einer Krise in die nächste stolpern, nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.


Foto: Joachim Dette / Theaterhaus Jena / www.kulturarena.de

*