Starke Frauen gibt’s hier nicht

Ein Macho schreibt Weltliteratur über Machos

von Lennardt Loß

Wer kennt das nicht: Da will man sich in Ruhe erschießen und dann wird das eigene Leben nur noch auf dieses Ereignis reduziert. Ernest Hemingway, 62 Jahre alt, doppelläufige Schrotflinte und bumm. Davor: Macho, Alkoholiker, Nobelpreisträger.

Wer über Hemingways Romane, seine Sprache und seine Figuren schreibt, der schreibt eigentlich über Hemingway selbst. Daran ist der Mann nicht ganz unschuldig, der sich fortwährend als Abenteurer, Kriegsheld und Großwildjäger inszenierte und genau über solche Typen schrieb.

Das Problem: Die Geschichte Ernest Hemingway ist auserzählt – und damit sind es auch seine Romane. Wahrscheinlich kann jeder mofa-fahrende Hinterwäldler Der alte Mann und das Meer halbwegs korrekt zusammenfassen. Für alle anderen: Der kubanische Fischer Santiago hat seit Monaten keinen Fang mehr gemacht, dann beißt ein Marlin an. Nach dreitägigem Kampf kann Santiago den Fisch töten, nur um mit anzusehen, wie dieser von Haien gefressen wird: Vom riesengroßen und edlen Tier bleibt nur das Skelett.

Der Fischer ist ein Loser

Mit 15 habe ich erstmals Der alte Mann und das Meer gelesen. Ich wollte den Text gut finden, war aber nur angeödet. Das habe ich natürlich bestritten: „Klar, das Teil ist brilliant.“ Jetzt, bei wiederholter Lektüre, wollte ich den Text peinlich finden. Ich dachte, wer sich als Mann fühlen will, sieht sich eine Monstertruck-Show an und wer sich dafür zu kultiviert fühlt, liest eben Hemingway. Das stimmt, trotzdem bin ich hingerissen.

Ja, der Text ist stellenweise peinlich-pathetisch. Wer einen Penis hat, wird allein deshalb zum tragischen Helden: „Ein Mann kann vernichtet werden, aber nicht besiegt.“ Aber der Text besitzt auch herzzerreißende Sanftmut. Als ein Schwarm Vögel über Santiagos Boot fliegt, denkt dieser: „Warum machte man die Vögel so zart und fein, wenn die See so grausam sein kann?“

Männlichkeit heißt bei Hemingway: Leiden hinnehmen, Schmerzen ertragen, nicht aufhören können. Genau wie bei der zweiten schmerzgeilen Männlichkeits-Figur Amerikas, Rocky Balboa, der sagt: „Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann. Es zählt bloß, wie viele Schläge man einstecken kann und ob man trotzdem weitermacht.“

Aber Männlichkeit heißt bei Hemingway auch Selbstbetrug. Immerhin wird Rocky zweimal Weltmeister im Schwergewicht. Dagegen ist Santiago ein Loser, der sich krampfhaft an seine alten, siegreichen Tage erinnert und am Ende ein Skelett nach Hause bringt.

Technik gibt es in Santiagos Welt nicht. Nur einmal entdeckt er ein Flugzeug und fragt sich, wie das Meer von dort oben aussehen würde. Hier liegt die Tragik der Erzählung: Der alte Mann ist längst überlebt, was ihn trotzdem weitermachen lässt, ist die große Lüge Mann-Sein. Macho-Weisheiten zünden nur noch im direkten Kampf Mann gegen Fisch, weit draußen auf dem Golf von Mexiko. Die Maschine fliegt nach Miami, dort würde man ihn wahrscheinlich in ein Altersheim stecken, ihm die Hand tätscheln und alle seine Geschichten jovial lächelnd abnicken.

Sprache als Ansage

Als Der alte Mann und das Meer 1952 erschien, war das eine Sensation: Elf Jahre waren seit Hemingways spanischem Bürgerkriegsroman Wem die Stunde schlägt vergangen. Elf Jahre nichts außer einem vulgären Venedig-Roman und dann plötzlich liefert dieser belächelte, saufende Prolet Der alte Mann und das Meer ab.

Das Life-Magazin druckte die Erzählung vorab. In zwei Tagen waren fast fünfeinhalb Millionen Exemplare verkauft. Kritiker pinkelten sich vor Freude in die Cordhosen: Kein Wort zuviel in diesem Text, der gewaltige Kampf Mensch gegen Natur beschrieben in der lakonischen Sprache Hemingways – großartig!

Den Nobelpreis bekam Hemingway zwei Jahre später, 1954, und zwar maßgeblich für Der alte Mann und das Meer. Weil Hemingway elf Jahre nichts Bedeutendes geschrieben hatte, las man den Text als Selbstporträt: Der Fischer wurde zum Schriftsteller, der Marlin zum Roman und die Mako- und Schaufelhaie zu Kritikern. Naja.

Was Der alte Mann und das Meer lesenswert macht, ist Hemingways Sprache: Kurze Sätze, kaum Adjektive, Hauptsatz an Hauptsatz. Billiger Männlichkeitskult wirkt, wenn die Sprache zur Ansage wird, weil der Text dann eine biblische Unanfechtbarkeit bekommt.

In dieser Serie widmen wir vermeintlichen und echten Meisterwerken Liebeserklärungen und Hasstiraden. Diesmal: Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway.

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