Paris, ein politisches Abenteuer

Einmal Iran und zurück

von Johannes Kaiser

Eine Freundin fragt mich, ob ich Mitte Juni für ein Wochenende mit nach Paris kommen wolle: 30 Euro inklusive Busfahrt, Verpflegung und Unterkunft! Irgendwie so eine Konferenz zum Iran, sie wisse selber nichts Genaues. Am Sonntag hätte man dann den ganzen Tag frei, um sich Paris anzuschauen. Klingt nach einem attraktiven Angebot.

Als der Ausflug näher rückt, kommen mir dann doch Bedenken: Was ist denn das für eine Konferenz?

Google fördert eine Webseite zutage, auf der weder ein Organisator noch Ziele beschrieben sind. Es scheint eine Veranstaltung vom Nationalen Widerstandsrat im Iran (NWRI) zu sein, einer oppositionellen Exilregierung. Es ist der zivile Flügel der Volksmodschahedin. Deren Unterstützung des Ayatollahs hatte dazu beigetragen, den Schah in der Iranischen Revolution im Jahr 1979 zu stürzen. Die darauf folgenden Machtkämpfe der Kulturrevolution haben sie dann aber verloren. Seitdem kämpfen die Volksmodschahedin gewalttätig gegen das iranische Regime der Ayatollahs.

Ich frage mich: Will ich dort wirklich hin? Nach Tagen des Zweifelns sage ich mir: Ich schau es mir mal an und bilde mir eine eigene Meinung.

Kaum ausgeruht werden wir am Samstag um 10:00 Uhr in der Nähe von Paris ausgekippt, wie unzählige andere Busfuhren. In eine Messehalle gigantischen Ausmaßes: Le Bourget. Auf jedem der etwa 20.000 Sitze liegt eine blaue Weste mit dem Namen einer Frau, die ich nicht kenne. Dazu bekommen wir eine Rassel, ein Paar Kopfhörer für die Übersetzung und eine Fahne mit dem Bild wahrscheinlich dieser Frau. Die Decke hängt voll mit vorrevolutionären Fahnen des Irans, Lautsprechern und bunten Scheinwerfern. Kaum einer im Saal weiß, was ihn erwartet.

Nacheinander kommen europäische und arabische Delegationen auf die Bühne und halten Reden. Auffallend ist, dass die Argumente immer die gleichen sind: „Die Mullahs sind böse“, „Atomwaffen sind gefährlich“, „Iran braucht Freiheit und Demokratie jetzt.“ Eigentlich ehrenvolle Ziele. Allerdings wird in keiner Rede gesagt, auf welchem Weg sie diese erreichen wollen. Unsere Aufgabe scheint zu sein, die Fahnen und Rasseln zu verwenden.

Nach drei Stunden kommt es dann zum Höhepunkt der Veranstaltung, das bekommt man sogar als absolut desinteressierter Teilnehmer mit: Die Lichtshow ist wie ein Feuerwerk. Die Luft ist erfüllt von Glitzerkonfetti. Die Musik tönt laut und bedrohlich aus den Boxen.

Eine Frau mit blauem Kopftuch betritt die Halle. Sie schreitet einen Gedenkaltar der Widerstandskämpfer ab, betritt dann die Bühne und hält eine Rede. Der Applaus und Jubel der vordersten Reihen reißt nicht mehr ab, es ist eine Verehrung, wie man sie aus Berichten über Nordkorea kennt. Sie ist die Präsidentin des NWRI, Maryam Massoud. Sie fordert Waffen und Unterstützung für den zukünftigen Aufstand der Volksmodschahedin. Meiner Meinung nach ist ein Bürgerkrieg ein fraglicher Weg, um Freiheit und Demokratie zu entwickeln.

Nach ihrer Rede können wir allerdings noch nicht nach Paris, es sind noch die Delegationen aus den USA, Deutschland (unter anderem die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und die Bundestagspräsidentin a.d. Rita Süßmuth) und weiteren europäischen Ländern an der Reihe.

Nach dieser Acht-Stunden-Folter hat jeder unserer Gruppe verstanden, dass die eigene Meinung auf der Veranstaltung niemanden interessiert. Dass wir nur zum Fahne wedeln da waren. Und dass der Höhepunkt unseres Tages nur das tiefmüde Versinken im Hotelbett sein würde.

Am nächsten Tag frage ich mich noch immer: Wer bezahlt diese professionelle Show und diese ganzen „Jubelperser“ wie uns, deren Reisekosten und deren Unterkünfte? Was ist das Ziel der Veranstaltung?

Doch Paris wartet! Unser Bus fährt uns auf den Place de la Concorde, was am Abend unser Treffpunkt sein wird. Ich leihe mir ein Fahrrad und werfe einen Blick auf den Eifelturm, den Arc de Triomphe, die Champs-Élysées, den Louvre, die Seine.

Auf der nächtlichen Heimfahrt im Bus nach Jena kommt mir ein Begriff für diese kuriose Veranstaltung in den Sinn: „politische Kaffeefahrt“.

Foto: Johannes Kaiser

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