Was der Bursche hat geschafft

200. Jubiläum: Die Bedeutung studentischer Verbindungen für die deutsche Geschichte

von Christoph Renner

Die schwarz-weißen Portraits hunderter Alter Herren an den Wänden starren mich an. „Hier drin atmet es Geschichte“, meint ein Burschenschafter. Ich atme eher eine Mischung aus Zigarettenrauch und Bier. Steffen Borger, der Sprecher der Aktiven der Burschenschaft Germania, erzählt mir und fünf Rentnern am Tag der offenen Tür etwas über das Fechten. Er hat zwei große Schmisse im Gesicht und stellt sich als „das Gesicht der Burschenschaft Germania in Jena“ vor.

Ein jüngeres Mitglied kommt in den Kneip- und Pauksaal und trinkt eine Fanta, die hier zwischen gekreuzten Klingen so deplatziert wirkt, als käme sie aus der Zeitmaschine. Die möchte man auch gern benutzen, wenn man hört, dass hier noch alle drei Strophen des Deutschlandliedes gesungen werden. Eben spricht Borger zum Lebensbundprinzip der Burschenschaft. Acht Jahre lang habe er bei der Bundeswehr gedient und gedacht, dass er ein solches Gefühl von Gemeinschaft nicht mehr finden würde, aber bei der Germania sei er eines Besseren belehrt worden. Unter vier Augen spricht er später „vom Neid der Besitzlosen“, derer, die dieses Gemeinschaftsgefühl vermissen und daher nur in gängigen Klischees von den Burschenschaften reden würden.

Burschenschaften führen ein Eigenleben und machen damit ein Rätsel aus sich. Kritiker haben es so leicht, ihnen negative Attribute zuzuweisen. Das werden auch die Jubiläumsfeierlichkeiten in Jena zeigen. Obwohl die Burschenschafter einen Deutungsanspruch auf die deutsche Geschichte erheben, werden sie wieder unter sich bleiben mit ihren Ritualen, die den meisten Studenten fremd erscheinen.

Am 12. Juni werden drei Jenaer Burschenschaften, Arminia, Teutonia und Germania, den 200. Jahrestag der Gründung der Urburschenschaft in Jena begehen. Sie haben dazu 20 befreundete Verbindungen aus ganz Deutschland eingeladen.

Im Gespräch zieht der Jenaer Historiker Prof. Klaus Ries vom Lehrstuhl für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Bilanz über 200 Jahre Burschenschaftsgeschichte.

Kann man die deutschen Burschenschaften als demokratischen Vorreiter bezeichnen?
Man kann die Burschenschaften als Motor einer freiheitlichen Bewegung sehen. Das Jubiläum von 200 Jahre Burschenschaft mit 200 Jahre Demokratiebewegung gleichzusetzen, ist jedoch falsch. Wenn überhaupt, kann man im 19. Jahrhundert von dreißig Jahren Demokratiebewegung bis zur gescheiterten Deutschen Revolution 1848/49 sprechen. Man muss deutlich machen: Vaterländisches Gedankengut war zu Beginn der deutschen Nationalbewegung auch gleichzeitig liberal-demokratisch.

…was ja im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte nicht mehr der Fall war.
Ja, nach 1848 nehmen die Burschenschaften die gleiche Entwicklung wie der Nationalismus in Deutschland. Eine vormals oppositionelle Emanzipationsbewegung wandelt sich zu einem staatstragenden, konservativen, mitunter auch antisemitischen Phänomen. Nach der Gründung des autoritären Bismarckstaates 1871 erlebten die Burschenschaften eine Blütezeit, und das sicher nicht, weil sie sich konträr zum System gestellt hätten. Mit der Reichsgründung gingen die Burschenschaften im Nationalstaat auf.

Inwiefern waren die Burschenschaften antisemitisch?
Man sagt gern salopp, dass die Burschenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie alle anderen auch auf den Zug des Antisemitismus aufgesprungen seien. Das ist nicht korrekt. Als konstitutiver Teil der Nationalbewegung sind sie nicht aufgesprungen, sie haben den Lokführer gestellt.

Trifft das bereits auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zu?
Partiell. Auf dem Wartburgfest 1817 haben radikale Turnburschenschafter abseits der offiziellen Veranstaltung Symbole des Ancien Regimes sowie monarchistische Schriften verbrannt. Was vielen nicht bewusst ist: Unter den Werken war etwa auch die Germanomanie des jüdischen Schriftsteller Saul Ascher. Im antijüdischen Teilcharakter des Wartburgfestes findet sich schon eine Vorstufe des modernen Antisemitismus.

Wie waren die Burschenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegenüber den Juden eingestellt?
Als der Geschichtsprofessor und Ex-Burschenschafter Heinrich von Treitschke im Deutschen Reich der 1870er Jahre vor seinen Studenten die Losung „Die Juden sind unser Unglück“ propagierte, saßen Corpsstudenten in den ersten Reihen, während ihnen Tränen der Rührung über die Wangen liefen. Jakob Friedrich Fries, auch als Büste im Fürstengraben zu sehen, der als liberaler Kämpfer und Mentor der Burschenschaften gefeiert wird, schrieb eine der schlimmsten antisemitischen Schriften des 19. Jahrhunderts. In der hieß es, das Judentum müsse „ausgerottet“ werden. Hier kann man in Bezug auf burschenschaftlichen Antisemitismus durchaus Kontinuitätslinien ziehen.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“: Ließen sich die Burschenschaften vor 1914 vom deutschen Großmachtstreben anstecken?
Grundsätzlich gilt für alle Zeitabschnitte: Die Landschaft der Verbindungen, Corps und Burschenschaften war immer heterogen, weshalb man mit Pauschalisierungen vorsichtig sein muss. Allerdings waren die Burschenschaften die Jugendorganisationen des deutschen Bildungsbürgertums im Wilhelminischen Kaiserreich, und letzteres war auch immer Hort antisemitischen und nationalistischen Gedankengutes gewesen.

Wie verhielten sie sich in der NS-Zeit?
In der Zeit der Weimarer Republik hin zur Machtergreifung 1933 gehen sie ebenfalls den national-antidemokratischen Weg, dies aber eher autonom. In einer Partei wie der DNVP oder der NSDAP waren sie nicht organisiert. Der nationalsozialistischen Gleichschaltung fielen Verbindungen und Burschenschaften gleichermaßen zum Opfer wie etwa die Gewerkschaften. Dadurch lassen sie sich zur Zeit des Dritten Reiches schwer greifen.

Wie bewerten Sie die geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten?
Als problematisch. Jubiläen dienen auch immer der historischen Verzerrung. Man rühmt sich als Initialzündung einer demokratischen Bewegung und es entsteht der Eindruck, man wolle sich durch das unreflektierte Feiern von 200 Jahren Demokratie von dunklen Punkten in der eigenen Geschichte „reinwaschen.“ Die Burschenschaften haben für den Beginn der nationalen Freiheitsbewegung eine Vehikelrolle gespielt, diese muss man ihnen in der deutschen Erinnerungskultur auch zugestehen. Nichtsdestotrotz tut man sich mit diesem unreflektierten „Zurückblicken“ keinen Gefallen, sondern provoziert nur Proteste.

Sie würden sich eine differenziertere Erinnerungskultur wünschen?
Das ist genau der Punkt. Im Jahr 2015 wäre es an der Zeit, an alle Facetten der deutschen Burschenschaften zu erinnern. Dies kann nur durch eine Aufklärung unter Beachtung der historischen Umstände geschehen. Soll heißen: Wenn Burschenschafter früher antisemitisch waren heißt es nicht zwangsläufig, dass sie das heute noch sind. Genausowenig wie man sie heute aus dem historischen Rückblick heraus noch als demokratische Vorreiter bezeichnen muss.

Warum scheinen Jenas Burschenschaften dazu nicht in der Lage?
Die Jenaer Burschenschaften stehen unter großem Druck des stark rechtsgerichteten Dachverbandes, aus dem sie alle ausgetreten sind. Sie wollen sich von diesem distanzieren, da kommt die Möglichkeit, sich durch eine Jubiläumsfeier der eigenen demokratischen Wurzeln zu vergewissern, gerade recht.

Sind sie der Öffentlichkeit aufgrund ihrer geschichtlichen Bedeutung hierzulande nicht eine Öffnung schuldig, anstatt ihr Jubiläum intern zu begehen?
Das ist ein wichtiges Moment, diese relativ starke Autonomie der Bewegung, immer ein „Staat im Staat“ sein zu wollen. Die Burschenschaften kapseln sich auch heute noch gerne ab. Vielleicht wäre die Bewerkstelligung einer Öffnung da die richtige Option, um Vorurteile abzubauen.

Auch in der historischen Retrospektive erscheint es als zu einfach, die Burschenschaften „über einen Kamm zu scheren“, wie sie es selbst ausdrücken. Im gemeinsamen Gespräch präsentieren sie sich sicher nicht als rechtsgerichtete Sexisten. Einer bemerkt kritisch: „Verbindungen sind träge Gebilde. Mit den negativen Aspekten der eigenen Vergangenheit geht man mäßig bis gar nicht um.“

Auf die Frage hin, ob aus der geschichtlichen Bedeutung der Burschenschaften nicht auch die Verantwortung resultieren würde, sich stärker in der Öffentlichkeit zu engagieren, stimmen sie mir sogar zu. Es gebe dazu intern bereits Bestrebungen und Arbeitskreise, aber es sei schwierig, gemeinsame Strategien zu entwickeln.

Dann meinen sie aber, dass ja Karnevals- und Fußballvereine in ihren Gemeinden auch gerne unter sich blieben. Dass lokale Vereine aber keine zentrale Rolle für die Geschichte der Demokratie dieses Landes für sich in Anspruch nehmen, scheinen sie noch nicht ganz verstanden zu haben. „Ein gewisser Rückzug aus der Öffentlichkeit ist unser Leben hier durchaus“, meint einer von ihnen. „Während das Studium sonst eher anonym ist, schließen wir hier einen Bund fürs Leben und tragen Verantwortung innerhalb des Hauses.“ Und Verantwortung tragen sie – aber nur für sich.

Foto: Christoph Renner

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