Der Schoß ist fruchtbar noch

Brechts Arturo Ui im Deutschen Nationaltheater

von Annika Lobeck

Veralbert – so kommt man sich in den ersten zehn Minuten vor. Durch übertriebene Mimik, melodramatische Stimmlagen und scheinbar sinnloses Hin-und-Her-Gerenne auf der Bühne. So beginnt die Inszenierung von Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui am Nationaltheater in Weimar. Die Irritation lässt erst langsam nach.

Hintergrund des Stücks ist der Aufstieg Hitlers sowie der Al Capones. Dabei sind weniger ideologische Aspekte wichtig, sondern ökonomische. Brechts Intention war, durch das epische Theater die Gesellschaft zu spiegeln und den  Zuschauer zum Nachdenken über das Gesehene anzuregen.

Inhaltlich behandelt das Stück den Werdegang des Verbrechers Arturo Ui, dem es gelingt, sich politisch zu etablieren und den Gemüsehandel von Chicago zu beherrschen. Die beiden Parteien, Ui und der Gemüse-Trust, sind zu Beginn noch gleich stark. Erst im Verlauf verschiebt sich das Machtverhältnis und Uis politische Untergrabung wird deutlich.

Vor dem Theaterbesuch ist eine ungefähre Vorstellung vom Inhalt und dem historischen Bezug notwendig. Das Stück ist sehr verwirrend und besonders am Anfang nicht zu durchschauen. Während Ui in einer Szene zum Beispiel, eine Bärenmaske in der Hand, „Geschäfte riecht“, tanzen die Mitglieder des Gemüse-Trusts um ihn. Sie sind in einem Chor zusammengefasst und einzelne treten nur zwischendurch aus, um als Individuen zu sprechen.

Eine andere Szene: Auf einer sich drehenden Bühne läuft ein Mann mit Stiermaske und Kreuz im Kreis, ein anderer fährt auf einem Kinderfahrrad, während sich Nebel um sie herum verdichtet.
Die Handlung wird gegen Ende durchschaubarer. Trotzdem wird der Zuschauer von Details auf der Bühne regelrecht erschlagen und muss seine Gedanken nach dem Stück erst sortieren.

„Jeder Bürger ist potenzieller Terrorist“

Auf einer Leuchttafel werden zum Geschehen Wörter eingeblendet, wie „No Violence“, während Sheet, ein Reedereibesitzer, vor dem Trust zerteilt auf dem Boden liegt. Dieses ironische Zusammenspiel von Handlung und Text zieht sich durch das ganze Stück.Lacher im Publikum sind nicht störend, sondern werden, auch durch direkte Ansprachen der Schauspieler, Teil des Stücks. Brechts Originaltext wird immer wieder durch kurze, beiläufig eingeworfene Sätze ergänzt.

Ein Gefolgsmann Uis fragt während einer Talkshow, in der Ui spricht, nach der Meinung der Zuschauer. Ui bemerkt daraufhin: „Überfordere die Leute nicht, aber sehr gut machst du das“.
Die Entfremdung des Zuschauers von Ui erreicht ihren Höhepunkt, als er einem Kohlkopf in der Hand zärtlich seine Liebe zuflüstert und mit ihm über die Bühne tänzelt. Er wirkt dabei so verloren, dass das Auftreten des Hundes Basko eine Erleichterung ist.

Dieses empfindsame Bild Uis lässt fast vergessen, was für eine Person er ist. Es entsteht eine Ambivalenz zwischen diesem Mitleid erregenden Menschen und dem, der später mit blutverschmiertem Mund an seiner Mutter saugt.

Die geschichtlichen Bezüge zu Hitler und Al Capone sind unübersehbar, werden aber von den Zuschauern durch das Absurde der Person Ui nicht zwangsläufig herangezogen. Wobei der direkten Vergleich auch nicht im Mittelpunkt steht, sondern das Phänomen Machtergreifung an sich.

Das Stück und sein Thema sind nicht nur zu seiner Entstehung programmatisch zu betrachten. Dramaturgin Julie Paucker stellt in ihrem Essay im Begleitheft des Nationaltheaters die Frage, wie wir rechtzeitig bemerken, wenn sich in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Toleranz Dinge verändern.

Sie spricht von der roten Linie eines Individuums und fragt, wann diese überschritten wird und wann sie sich verschiebt. In Brechts Stück wird dieser Prozess gut dargestellt, ebenso wie soziale und politische Gegebenheiten dazu beitragen.


Foto: Kerstin Schomburg

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