Zwei Meinungen zur Anwesenheitspflicht

von Bernadette Mittermeier und Niclas Seydack

Anwesenheitslisten sind ein häufiger Anblick in Uni-Veranstaltungen. Das könnte sich nun ändern: Das Thüringer Wissenschafts-Ministerium hat in einem Brief deutlich gemacht, dass Dozenten eine plausible Begründung liefern müssen, bevor sie ihre Studenten zu regelmäßiger Anwesenheit verpflichten dürfen. Seitdem wird an der FSU hitzig diskutiert. Was spricht für oder gegen eine Anwesenheitspflicht? Zwei Meinungen.

Pro

von Bernadette Mittermeier

Ein seltsamer Umgangston hat sich in der Universität breit gemacht: Studenten werden wie verzogene Kleinkinder behandelt. Dozenten huschen um sie herum und versuchen, das Studium so schonend wie möglich zu gestalten. Kritik heißt heute Feedback und wird mit der Sandwich-Methode vermittelt („Toll, wie du mit Powerpoint umgehen kannst. Inhaltlich war das Referat ja nicht so toll. Aber du hast sehr frei gesprochen!“). Jetzt wird sogar diskutiert, ob Studenten in manchen Veranstaltungen zwingend anwesend sein müssen.

Natürlich müssen sie das. Die Alternative sähe so aus: Zu langweiligen oder anstrengenden Seminaren geht niemand mehr. Ein Studium besteht aber nicht nur aus spannenden Themen, in der Politikwissenschaft gehört die gefürchtete Statistik dazu und in der Medizin eben das Auswendiglernen von chemischen Formeln.

Eigenständige Lektüre oder Onlinekurse können Diskussionen und Gruppenarbeiten in Seminaren nicht ersetzen. Genau darum soll es an der Universität doch gehen: um wissenschaftlichen Austausch. Der ist aber nicht möglich, wenn der Professor in die Leere hinein spricht.

Zwar kann niemand abstreiten, dass viele Seminare dem Anspruch der sokratischen Methode nicht genügen, oft reihen sich unmotivierte Vorträge aneinander. Aber dieses Problem löst sich nicht, indem die Anwesenheitspflicht abgeschafft wird. Die wenigsten Dozenten überdenken plötzlich ihre Seminarstruktur, wenn weniger Studierende zu ihnen kommen. Wahrscheinlicher ist, dass sie diese Tatsache resigniert zur Kenntnis nehmen und alles bleibt, wie es ist.

Ändern kann sich an schlechten Seminaren dagegen etwas, wenn die Teilnehmer nicht nur zur Veranstaltung gehen, sondern sich auch beteiligen und ihre Kritik äußern. Vierzig Seiten Lektüre zur Vorbereitung sind nicht zu viel verlangt und wer um acht Uhr aufstehen muss, wird dadurch noch nicht zum Märtyrer der Wissenschaft.

Wenn nichts mehr erwartet wird, ist der Abschluss auch nichts wert. In den meisten Fächern ist die Zahl der Pflichtveranstaltungen schon jetzt verschwindend gering. Viele Studenten müssen selbst dann nur an vier Tagen zur Uni, wenn sie brav alle Veranstaltungen besuchen. Überforderung sieht anders aus.

Studenten sind keine Kleinkinder. Aber wenn ihre Dozenten sie so behandeln, werden sie diesen erschreckend ähnlich.

Contra

von Niclas Seydack

Schafft die Anwesenheitspflicht endlich ab. Tut es im Sinne so vieler Studierenden, die augenscheinlich gezwungen werden, Fächer wie Soziologie und Geschichte zu studieren – sie alle dürften endlich zu Hause bleiben, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Sie müssten nicht mehr in der Vorlesung Candy Crush spielen, sondern könnten das zu Hause tun. Profitipp nebenher: Dozenten sind nicht so blöd, wie sie scheinen. Sie sehen von ihrem Pult aus, wenn sich jemand eineinhalb Stunden grinsend in den Schritt schaut und sie wissen, er oder sie sieht in den Zahnpastaflecken bestimmt keine Jesus-Erscheinung.

Eine Anwesenheitspflicht ist keine Sozialdisziplinierung. Als würden Dozenten die Studenten in Geiselhaft halten wollen! Seminare bestehen ohnehin oft nur aus Dozenten und drei bis vier Motivierten, die Privatunterricht genießen.

Okay, das sind die harten Fälle. Wem hin und wieder die Feierabendlongdrinks am nächsten Morgen wieder begegnen oder wer von Zeit zu Zeit eine Veranstaltung ausfallen lässt, um arbeiten zu gehen, ein anderes – womöglich sogar fachfremdes – Seminar zu besuchen, den sollte niemand daran hindern.

Das ist nicht das Ende der Universität, es ist nicht einmal besonders schlimm. Denn insbesondere in Geistes- und Sozialwissenschaften hat ein ernstgemeintes Studium kaum etwas mit Präsenzzeit zu tun, sondern mit Selbststudium.

Sicher, Studenten überschätzen sich, verzetteln sich, wenn sie denken, sie könnten sich alles selbst beibringen. Doch viel mehr überschätzen sich Dozenten, verzetteln sich und denken, sie könnten den Studenten alles beibringen. Dozenten sind zwar keine Zirkusakrobaten, vielen jedoch merkt man eine mangelnde didaktische Ausbildung an, wenn die Vorlesung aus dem rezitierten Text ihres eigenen Einführungsbuches besteht. Oder Seminare darin, zwei 45-minütige Referate halten zu lassen.

Daher eine abschließende Forderung: Es muss ein Recht auf Auspennen geben, aber genauso eine Pflicht zur Leistung. Das wäre angewandte Selbstorganisation – und Anwesenheit ist keineswegs zwingend das Mittel dazu. Der Ausweg wäre eine Wahl für die Studenten. Entweder sie kommen vorbereitet ins Seminar – Text nicht lesen zählt als fehlen – oder sie liefern eine Hausaufgabe als Ersatz für die Anwesenheit ab.

Es ist in Ordnung, nicht präsent zu sein, man darf nur nicht unsichtbar werden.