Verführer, die die Welt nicht braucht

von Tarek Barkouni

„Nimm sie nicht ernst, sondern durch.“ Das rät der selbsternannte Pick-Up-Artists Ludovico Santana Männern in seinem Buch Lob des Sexismus im Umgang mit Frauen.

Pick-Up-Artists gehen strategisch an die Verführung potentieller Sexualpartnerinnen heran und versuchen, mittels bestimmter Methoden ihr Gegenüber zu manipulieren. Was als Subkultur in den USA begann, ist mit Bestseller-Büchern wie Die perfekte Masche oder Lob des Sexismus auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt und inzwischen zu einem lukrativen Geschäft geworden: In Seminaren, Coachings, Büchern und auf dutzenden Youtube-Kanälen preisen die Verführungskünstler ihre Methoden an, um reihenweise Nummern abzugreifen – und die dazugehörigen Frauen gleich mit.

Dafür werden die unterschiedlichsten Techniken bereitgestellt: Es beginnt mit einfachen Gesprächseinleitungen, geht über Hypnose, bis hin zu abstrus wirkenden Methoden wie Cocky-Comedy. Dabei wird einer Frau ein Kompliment gemacht und mit einem beiläufigen Nebensatz sofort wieder zerstört: „Hübsche Frisur, aber Schwarz steht dir besser.“ Auf der einen Seite soll damit das Interesse der Frau geweckt, auf der anderen aber das Bitch-Shield gebrochen werden, erklärt der Jenaer Student Levine, der eigentlich anders heißt und schon auf mehreren Pick-Up-Seminaren war. „Je hübscher die Frau ist,“ sagt er, „desto größer ist ihr Bitch-Shield“ und meint damit ihr ablehnendes Verhalten.

Wie gut eine Frau aussieht, bewerten Pick-Up-Artists auf einer Skala von eins bis zehn. Unter sechs werden Frauen wenig schmeichelhaft Ugly-Girl oder kurz UG genannt und sind somit nicht „fuckable“. Ab neun gibt es dann die Auszeichnung, ein Hot Babe zu sein.

Eigentlich gehe es aber um Selbstbewusstsein und die Pick-Up-Artists bieten nur eine Orientierung, erzählt Levine. Immerhin sei nicht jeder ein sozialer Mensch. „Es gibt halt viele Männer, die keine Eier haben und die zahlen echt viel Geld, dass ihnen welche wachsen“, formuliert er drastischer. Bis zu 12.000 Euro lassen sich manche ein Coaching kosten. Levine sieht die Seminare als eine Art Selbstoptimierung. Auf die Frage, wieso er das wollte, antwortet er: „So wie ich war, war ich doch scheiße. Wieso sonst habe ich keine Frau abbekommen?“

„Ruf einfach Pokémon oder so was und greif sie dir.“

– Julien Blanc, Pick-Up-Artist

In den Seminaren lernt man, eloquenter zu sprechen, die Körperhaltung und -sprache zu verändern und aus den vorgegebenen Methoden eine Persönlichkeit zu entwickeln. Das Beispiel Julien Blancs, eines aus den USA stammenden Pick-Up-Artists, zeigt aber eine andere Seite. „Ruf einfach Pokémon, Pikachu oder sowas, und greif sie dir“, ist in einem Video zu hören. Dann deutet er an, wie er den Kopf einer Frau zwischen seine Beine drücken würde. Außerdem sind Fotos aufgetaucht, auf denen zu sehen ist, wie Blanc eine Frau würgt.
Zwar entschuldigte er sich nach den Vorfällen, doch Australien, wo er einen Workshop halten wollte, verweigert ihm deswegen bis heute die Einreise. Im Rest der Welt wird er stark kritisiert, aber von manchen auch gefeiert.

In Lob des Sexismus wird ein einfaches Bild von Frauen dargestellt: Wahlweise als Opfer der eigenen Manipulation oder als Gegenspielerin, die es zu besiegen gilt. Da wird von „den Waffen der Frauen“ geredet und welche Waffe der Mann wählen sollte: Nämlich die Attitüde des „Alpha-Mannes“, der vor männlicher Aggression, Dominanz und sexueller Energie strotzt. „Frauen sind von Natur aus darauf programmiert, sich von diesem Speer verwunden zu lassen“, heißt es dann weiter.

Ein Kapitel ist überschrieben mit „Was Frauen wollen“. Inhalt: Frauen suchen sich die attraktivsten Männer, nur um diese an sich zu binden. Sobald das geschehen ist, verliert die Frau das Interesse an dem Mann und sucht sich den nächsten. Konkret: Frauen sind alle gleich – und zwar triebgesteuert.

Die Methoden beruhen auf pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen. Untersuchungen an der Universität Göttingen haben zwar zum Beispiel nachgewiesen, dass abwechslungsreiche Tanzbewegungen attraktiv auf Frauen wirken. „Natürlich sind Manipulationen möglich“, erklärt Professor Franz Neyer von der Psychologischen Fakultät der FSU. Mehr kann er aber auch nicht sagen, denn seriöse Forschungen, die sich tatsächlich mit den Methoden befassen, gibt es nicht.

Die Grenze zwischen Flirten und bewusster Manipulation ist dabei fließend. „So lange man der Frau nicht schadet oder sie belügt, ist das doch keine Manipulation“, sagt Levine. Nur um später zu erzählen, wie er durch eine Lüge mit einer Frau ins Gespräch gekommen ist.

Foto: Tarek Barkouni