„Kein Nischenfach“

Unverständnis über Kürzungen

von Niclas Seydack

Prof. Dr. Jörg Nagler lehrt an der FSU Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Amerika. Er baute gemeinsam mit anderen den interdisziplinären Masterstudiengang Nordamerikastudien auf.  Seine Professur ist in der aktuellen Version des Struktur- und Entwicklungsplans mit einem „kw-Vermerk“ versehen. Das bedeutet, die Professur wird nicht besetzt, wenn Jörg Nagler emeritiert. Außerdem soll der Masterstudiengang ersatzlos gestrichen werden. Das Akrützel fragte nach, wie es ihm mit dieser Situation geht und bat um eine Einschätzung der Lage.

Akrützel: Herr Nagler, wie geht es Ihnen damit, dass Sie nun auf Zeit beschäftigt sind, Sie quasi derjenige sind, der „das Licht ausmacht“?

Danke der Nachfrage — damit geht es mir natürlich nicht besonders gut, keine Frage; denn ich habe diese Professur, die ich 1996 von meinem Vorgänger Peter Schäfer übernahm, zu ihrer jetzigen Form ausgebaut und war immer der Meinung, dass sie eigentlich einen regulären Lehrstuhl verdient hätte. Dass dies nicht der Fall ist, hat allein historische Gründe, die jeder kennt, dem das deutsche Universitätswesen vertraut ist.

Ich werde am 31. März 2016 – also nach 20 Jahren auf dieser Position – als Professor für Nordamerikanische Geschichte normal pensioniert werden. Lassen Sie mich kurz darstellen, was unserer Universität bei einer Nicht-Wiederbesetzung dieser Professur meines Erachtens verloren ginge:

Die Nordamerikanische Geschichte hat an der FSU Jena eine jahrzehntelange Tradition, die bis in die 1960er Jahre der DDR zurückreicht (und damals einzigartig in Ostdeutschland war). Seit 1996, als ich diese Professur zunächst vertrat, auf die ich dann 1999 berufen wurde, habe ich folgende Forschungs- und Lehrschwerpunkte verfolgt: Multi-Ethnizität in nationaler und transnationaler Perspektivierung inkl. Migrationsgeschichte (ein weiterhin überall zunehmend relevantes gesellschaftspolitisches Phänomen), Krieg und Zivilgesellschaft (auch komparativ), deutsch-amerikanischer/transatlantischer Kulturtransfer, Zivilreligion/ Religiosität, afroamerikanische Geschichte, Globalität.

Sehr viel hat mir immer auch an der Förderung der Internationalität unserer Universität gelegen. Daher habe ich entsprechende Projekte initiiert, die ich nach wie vor koordiniere: 1999 ein wissenschaftliches Austauschabkommen mit der University of California in Berkeley – einer der renommiertesten Universitäten weltweit (und Partnerstadt Jenas) –, unterzeichnet von den jeweiligen Rektoren. Jedes Jahr gehen etwa drei Jenaer Studierende mit diesem Programm nach Berkeley; aber auch ein Wissenschaftler-Austausch ist Teil des Abkommens. In den kommenden Semestern können auch Naturwissenschaftler dieses Programm nutzen.

Ein weiteres Austauschprogramm habe ich 2002 mit der University of Michigan begonnen, wo ich auch externes Mitglied des Lehrkörpers (faculty member) bin und ein gemeinsames PhD-Programm mit den dortigen Kollegen/innen betreue; die Dissertationen werden dabei an beiden Universitäten verfasst. In den letzten Jahren haben sich etliche Michigan-Doktoranden an der FSU aufgehalten und etwa zwei bis drei FSU-Studierende gehen jedes Jahr an die University of Michigan, wo sie zudem großenteils Lehraufträge erhalten.

Weitere Kooperationen bestehen mit der Simon Fraser University, Vancouver, Kanada; dem Rothermere American Institute, Oxford, England; dem Centre d’Études Nord-Américaines (CENA) der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS), Paris. Ferner existiert eine enge Kooperation mit dem Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C., wo ich zur Wendezeit fünf Jahre Wissenschaftlicher Mitarbeiter war. In den letzten Semestern konnten in diesem Kontext mehrere Studierende des Nordamerika-Masterstudiengangs dort mehrmonatige Praktika absolvieren.

Darüber hinaus fungiere ich seit 2000 als Fulbright-Vertrauensdozent der FSU. In den letzten Jahren sind vier renommierte amerikanische Professoren semesterweise mit dem Fulbright Faculty Exchange Programm an der FSU gewesen und haben unser Angebot in Nordamerikanischer Geschichte landesauthentisch ergänzt, was regelmäßig auf sehr reges Interesse in der Studierendenschaft stieß. Weitere amerikanische Kollegen (z.B. von der University of Virginia) boten an der FSU sehr gut besuchte Blockseminare an.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die internationale Visibilität der Friedrich-Schiller-Universität nach außen sowie ihre Profilierung nach innen (bundesweit) durch diese vielfältigen europäischen und transatlantischen Kooperationen erheblich gesteigert worden sind. Bei einem Wegfall dieser Professur würde der Philosophischen Fakultät also ein hohes Maß davon verloren gehen.

Das komplexe Thema der 400jährigen Nordamerikanischen Geschichte stößt bei den Studierenden verständlicherweise auf ein ungebrochen großes Interesse: so werden im lfd. Semester (WS 2013/14) wieder insgesamt 20 Semesterwochenstunden dazu von mir und meinen Mitarbeitern angeboten (und auch stets nachgefragt). Eine renommierte Dozentin reist dafür seit Jahren zu Blockseminaren aus Wien an. Die Teilnehmerzahlen zu meinen Vorlesungen liegen regelmäßig bei 60-100, Hauptseminare werden durchschnittlich von 25 Teilnehmern besucht. Außerdem betreue ich eine hohe Zahl von Staatsexamens- und Masterarbeiten und darüber hinaus derzeit 12 Doktoranden; allein vier haben ihr Promotionsverfahren in diesem Jahr abgeschlossen, zwei von ihnen mit „summa cum laude“. Dazu kommt eine laufende Habilitation, die vom Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C. und von der Thyssen-Stiftung gefördert wird.

Mit anderen Worten, die Nordamerikanische Geschichte ist beileibe kein Nischenfach, sondern ein zu Recht sehr populärer Schwerpunkt vieler Studierender.

Laufende Drittmittelprojekte sind z. B. die von der DFG-geförderte Finanzierung des wissenschaftlichen Austausches mit der Universität Oxford, das Forschungsprojekt und die Konferenzserie „Die globale Dimension des Amerikanischen Bürgerkrieges“ (Fritz Thyssen Stiftung, Deutsches Historisches Institut, Washington, D.C., Institut für Sozialforschung, Hamburg, University of South Carolina, Columbia, Ernst-Abbe-Stifung, Jena). Die erste internationale Konferenz dazu fand im September 2011 in Jena und die zweite im September 2012 am Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C. statt (jeweils ca. 30 Teilnehmer). Erwähnenswert ist auch unser Kooperationsprojekt Schule & Wissenschaft (bis September 2016): „Lebe wohl Heimat, Amerika ruft. Auswanderung aus Thüringen im 19. und 20. Jahrhundert“ von der Robert-Bosch-Stiftung („Denkwerk“).

Zusätzlich zur wissenschaftlichen Bedeutung dieser Professur sollte ihre bildungspolitische Dimension nicht unberücksichtigt bleiben. Gerade in den neuen Bundesländern, wo nach wie vor oft eine anti-amerikanische Grunddisposition zu beobachten ist, ist eine differenzierte Wissensvermittlung und Auseinandersetzung mit Geschichte und Selbstverständnis der USA unerlässlich. Dieser Prozess ist insbesondere an den Schulen und in den Medien von großer Relevanz, und die von dieser Professur ausgebildeten Lehramts- und Master-Studierenden haben in ihren späteren Arbeitsfeldern bislang erheblich und fachgerecht zum nötigen Kenntnisstand über die Vereinigten Staaten beigetragen.

Vor einigen Jahren habe ich daher – aus gegebenem Anlass – zusammen mit den Kollegen/innen von der Amerikanistik und Politikwissenschaft den Masterstudiengang Nordamerikastudien (NAS) ins Leben gerufen. Das Angebot und die Kombination der beteiligten Fächer weisen diesen (im Übrigen populären und erfolgreichen) Studiengang als ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der neuen Bundesländer aus. Seine Thematik hat zudem zu einer sichtbaren Clusterbildung an der FSU geführt, die auch in Forschungsprojekten vorangetrieben wird, beispielsweise in einem Antrag beim European Research Council zum Forschungsprojekt „The American Dream Beyond Empire: Transformation Through Globalization.“ Die derzeit laufende Ringvorlesung „The American Dream Revisited“, zum Teil von der Amerikanischen Botschaft und dem Generalkonsulat Leipzig gesponsert, wird von etwa hundert Studierenden besucht. Kürzlich ist auch der neue MA-Studiengang Las Americas (Hispanistik) inhaltlich mit dem NAS verknüpft worden.

Die bisherigen Absolventen des Masterstudiengangs NAS haben ausnahmslos gute bis sehr gute Beschäftigungen im Journalismus, bei internationalen Stiftungen sowie Verlagen gefunden. Einige sind umgehend in Promotionsstudiengänge aufgenommen worden.

Die Beschäftigung mit der Geschichte, Literatur, Kultur und Politik der Vereinigten Staaten von Amerika und Kanadas trägt sui generis zu zwei zentralen Pfeilern innerhalb der Gesamtstrategie unserer Universität bei: zur Auseinandersetzung mit der „Dimension der Freiheit“ wie auch zur größeren Internationalisierung. Die im Kontext der Aufklärung entstandene Republik der USA war letztlich von vornherein ein „Experiment der Freiheit“ und sollte den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in einer multi-ethnisch geprägten Nation gewährleisten.

 

Akützel: Können Sie sich erklären, weshalb bei Ihrer Fakultät gekürzt wird? Waren Sie in die Entscheidung eingebunden bzw. konnten Sie diese beeinflussen?

Die jetzigen Sparmaßnahmen treffen alle Fakultäten. Bei der Entscheidung zum „kW“-Vermerk war ich nicht eingebunden.

 

Akrützel: Empfinden Sie es als ungerecht, dass ausgerechnet Ihre Stelle wegfallen wird?

Ich glaube, dass Kategorien wie „gerecht“ und „ungerecht“ im Falle dieser drastischen Sparmaßnahmen keine Anwendung finden. Ich meine eher, dass es bei diesen Entscheidungen um eine Vereinbarkeit mit strategischen Grundpositionen unserer Universität geht bzw. gehen sollte. Internationalität in Verbindung mit einer transatlantischen Ausrichtung sollte ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie sein und bleiben, gerade in einer Welt, die sich zunehmend globalisiert. Die Studierenden, mit denen ich arbeite, wissen das sehr gut und handeln/studieren dementsprechend.

Ich nehme diese Kürzung nicht persönlich (zumindest versuche ich es), glaube aber, dass die FSU mit dieser Maßnahme ein überaus wichtiges und weithin anerkanntes Profilmerkmal innerhalb der Geisteswissenschaften verlieren würde.

 

 

 

 

 

 

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