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Foto: Rainer Koch

Vom 13. April bis zum 24. Mai präsentierte der Fotoclub UNIFOK in der Cafeteria eine Gastausstellung des Hobbyfotografen Rainer Koch. Die Bilder zeigten Akte und Porträts junger Frauen, die mit erotischen Texten von Nicole Offhaus versehen waren. Eine anonyme Gruppe, die sich selbst als „das Kuratorium“ bezeichnet, hängte Fotografien von übergewichtigen, behinderten, älteren und trans*-sexuellen Menschen dazwischen. Ziel der Aktion war es, gegen gängige Schönheitsnormen und Vorstellungen von Sexualität zu protestieren.

Hier ein Gastbeitrag von Meike Boldt zum Artikel “Politischer Akt” (Seite 16) unserer aktuellen Ausgabe 323. Meike ist Kunststudentin, Performerin erotischer Bühnenshows und setzt sich seit  mehreren Jahren intensiv mit queerfeministischer Kunstkritik auseinander. Wir danken ihr für diesen Artikel.

Mit dem ausdrücklichen Hinweis, die photographischen Bilder gehören nicht zur Ausstellung, grenzte sich der UNIFOK von den queeren Photokopien der anonymen Kurator_innen ab.
Durch diesen Kommentar gewann das unfreiwillige Gemeinschaftswerk eine neue Qualität, denn er eröffnet einen Diskurs, der in der Kunstbewertung eine historische Tradition hat und auch gegenwärtig nicht abgeschlossen ist.

Es geht um die Rechtfertigung expliziter Körperdarstellung im öffentlichen Raum. Ich verwende das Wort „explizit“ als Begriff für Nacktheit sowohl mit als auch ohne sexuelle Konnotation, um den Dualismus, der zwischen Kunst und Pornographie unterscheidet, nicht zu bestärken. Dieser Dualismus beruht nicht auf objektiven Kriterien sondern entstammt der auf Platon zurückgehenden Trennung von Geistigem und Materiellem, bzw. Körperlichen. In Philosophie- und Kunstgeschichte wurde dem Geistigen lange ein höherer Stellenwert eingeräumt. Strukturell wurde es dem männlichen Geschlecht zugeordnet und dem Weiblichen abgesprochen, welches auf die materielle Ebene reduziert wurde. Diese Kategorisierung schließt ebenso Aspekte wie Hautfarbe und kulturelle Zugehörigkeit ein, so dass das Privileg des Zugangs zu geistig „höheren“ Qualitäten lange dem weißen, kulturell westlich verorteten Mann vorbehalten blieb während People of Colour mit dem Primitiven, Triebhaften in Verbindung gebracht werden. Diese Zuordnungen scheinen zwar überholt,  zeichnen sich jedoch auch heute noch in vielen Bereichen ab. So manifestiert sich dieser Dualismus auch in der Kunst und ihrer Bewertung. Frauen dienen historisch und bis in die Gegenwart als Material und Sujet der Umsetzung von Ideen und Botschaften männlicher Künstler. Dies geschieht meist in zentralperspektivischer Darstellung ohne direkten Blick zum/zur Betrachter_in.

Der Materialaspekt lässt sich sehr deutlich an einem Vergleich zweier Action-Paintings aus den 1960er Jahren aufzeigen. Der Fluxus-Künstler Yves Klein ließ Frauen sich gegenseitig mit blauer Farbe anmalen, um diese mit ihren Körpern auf einen auf dem Boden liegenden Malgrund aufzutragen. In der Kunstbewertung wurde diese Arbeit positiv aufgenommen. Als die Performance-Künstlerin Shigego Kubota 1963 ihr „Vagina-Paint“ mit einem Pinsel, den sie mit ihrer Vagina hielt, auf einen ebenso am Boden liegenden Malgrund auftrug, erregte dies starke Empörung. Auch heute noch meinen Rezipient_innen, ihre Arbeit sei im Vergleich zu der Kleins pornographisch. Bei kritischer Betrachtung stellt sich jedoch die Frage, ob es wirklich das Ausmaß an Nacktheit oder sexueller Konnotation im Sujet eines Werkes sind, die darüber entscheiden, ob es als pornographisch bewertet wird oder als Kunst. Vielmehr scheint sich das Urteil daran festzumachen, wer wessen Botschaft auf welche Art und Weise (re-)präsentiert. Als Kunst galten und gelten häufig Werke, in denen dem jeweilige Schönheitsideal entsprechende Frauen die Botschaften männlicher, weißer Künstler in einer objektivierten Darstellungsweise umsetzen. Inszenieren und transportieren Frauen, trans- oder intergeschlechtliche Menschen, Menschen of Colour, sowie Menschen, deren Körper von dem Kanon des „Ästhetischen“ oder „Gesunden“ abweichen, ihre eigenen Botschaften auf explizite Weise, stößt dies auf Unverständnis und wird unter anderem mit dem Attribut pornographisch versehen.
Betrachtet man die Bilder des UFOKs und die queeren Bilder im Vergleich, so handelt es sich bei allen zunächst um Akte, Halbakte, Porträts und zum Teil nicht explizite Photographien. Lediglich auf zwei Bildern der queeren Photoreihe sind sexuell interpretierbare Handlungen zu sehen. Diese dürfen aber nicht ohne Weiteres mit heteronormativen sexuellen Darstellungen gleichgesetzt werden, da es sich um Ansichten handelt, die im öffentlichen Bewusstsein unsichtbar und damit nicht existent sind. Um queere Sexualität und Ästhetik in die gesellschaftliche Wahrnehmung zu integrieren, muss sie sichtbar gemacht werden, muss sie visuell präsent sein. Dies ist nicht dasselbe wie einen heterosexuellen Geschlechtsakt zwischen normierten Menschen zu zeigen, der jede_r und jede_m in standardisierter Form auch visuell und in seiner öffentlichen Repräsentation bekannt ist.

Stellen wir in diesem Vergleich die Frage nach Autorenschaft, Medium und Botschaft, so wird offensichtlich, worauf die unterschiedliche Bewertung beruht. Die Frauen in den Bildern des UFOK sind Trägerinnen der Botschaft des männlichen Künstlers. Sie stehen nicht für sich selbst, sondern sie wurden als Materialien situiert, um eine bestimmte Ästhetik zu erzeugen. Neben oder auf ihren Körpern finden sich Textelemente, wodurch die Reduzierung ihrer Körper auf die Funktion als Medium noch deutlicher wird. Lediglich zwei der Frauen schauen offensiver in die Kamera, was sie als Subjekte stärkt, gleichwohl sie in ihrer Gesamterscheinung immer noch den ästhetischen Duktus des Künstlers tragen.

In den queeren Bildern fällt nicht nur auf, dass das Spektrum von Körperlichkeit und Identität wesentlich vielfältiger ist, vor allem repräsentieren die dargestellten Personen in offensiver und gleichzeitig sehr intimer Weise ausschließlich sich selbst. Sie sind Autor_innen, Botschaft und Medium. Dadurch weichen sie von den als „ästhetisch“, „erotisch“ und „künstlerisch“ attributierten Darstellungen ab. Das macht sie anstößig. Es ist jedoch nicht zu letzt dieser subversive Aspekt, der in vielen Kunsttheorien ein Kriterium darstellt, das Kunst von technisch gut umgesetzter Repräsentation einer dominant erscheinenden Wirklichkeit unterscheidet. Insofern bietet diese Ausstellung insgesamt großes Potential für eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit tradierten Hierarchien in der Bewertung von Schönheit, Kunst und Körperbildern. Beautiful!