Seit dem 17. Mai 1990 ist Homosexualität keine Krankheit mehr. Das war sie selbstverständlich nie, aber an diesem Tag strich die Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO, Homosexualität aus ihrem Katalog diagnostizierbarer Krankheiten.Das Datum des „International Day Against Homophobia“ (IDAHO) an ebenjenem Tag ist also kein Zufall.


Auch die Zahlenfolge des ehemaligen Paragraphen 175 im Bundesgesetzbuch erinnert an dieses Datum. Er stellte noch bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Der 17. Mai galt deshalb schon lange als inoffizieller Feiertag für Homosexuelle.
Heute, 23 Jahre nach dem Beschluss der WHO, wird auch in Jena gefeiert. Das IDAHOT* Festival Jena jährt sich bereits zum fünften Mal. Seit 2012 weist das zusätzliche T* darauf hin, dass auch Transsexuelle und Transgender im Titel mitgedacht werden. Zwischen dem 14. und 26. Mai gibt es Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, ein Konzert der deutschen Elektro-Musikerin Ira Atari und ein Straßenfest auf dem Holzmarkt.

Alltag statt Ekstase

Das IDAHOT* Festival ist kein zweiter Christopher Street Day. Beim ersten Festival im Jahr 2009 war es die Idee der Veranstalter, etwas ganz Anderes zu machen als eine Tanzveranstaltung, bei der Homosexuelle feiernd auf LKWs durch die Stadt fahren. „Das ist natürlich völlig in Ordnung.“, sagt Matthias Gothe, einer der Organisatoren des Festivals, „aber so eine Veranstaltung bildet eben nicht die Lebensrealität ab.“ Die gezeigten Filme und Vorträge des Festivals zielen darauf ab, den Alltag und die Ausgrenzung von Menschen darzustellen, die sich als queer, als abseits der heterosexuellen Norm, definieren.
„Eigentlich versuchen wir immer, das Ganze schlank zu halten: Eine Woche mit vier, fünf Veranstaltungen“, sagt Matthias, „aber während der Planung erzählt immer jemand, dass er oder sie noch eine interessante Ausstellung oder einen Referenten gefunden hat. So bläht sich das Programm auf.“
Das IDAHOT* Festival Jena ist mittlerweile zur größten Veranstaltung seiner Art in Deutschland geworden. Matthias führt das unter anderem auf das studentische Klima der Region Erfurt-Weimar-Jena zurück. Allerdings meint er auch, dass es in Jena noch immer Stadtteile gäbe, in denen er nicht mit seinem Freund händchenhaltend durch die Straße laufen würde. Er habe weniger Angst vor körperlichen Übergriffen als davor, angestarrt oder angepöbelt zu werden.
So selbstverständlich Toleranz gegenüber Homo- und Transsexuellen unter Studenten zu sein scheint, in der Mitte der Gesellschaft ist sie noch nicht angekommen.
Deshalb unterstützen auch zahlreiche Sponsoren das Festival, unter anderem die Grünen, das Studentenwerk, der FSU-Stura und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Diese Stiftung wurde 2012 gegründet, um die nationalsozialistische Verfolgung Homosexueller in Erinnerung zu halten und an das Leben ihres Namenspatrons zu erinnern: Der Sexualforscher Hirschfeld gilt als Mitbegründer einer frühen Homosexuellen-Bewegung in Deutschland. Die Stiftung sieht es außerdem als ihre Aufgabe an, Projekte gegen Diskriminierung zu unterstützen, weshalb sie den Queerweg-Vielfalt leben e.V. bereits zum zweiten Mal in Folge fördert. Der Verein ist der offizielle Träger des Festivals.

Die Kraft des Regenbogens?

Als Zielgruppe nennt Matthias alle, die selbst queer oder offen für das Thema seien. Er weiß jedoch, dass dies eine relativ kleine Gruppe darstelle. Aber er hofft, dass zu den Veranstaltungen wie dem Straßenfest und dem Konzert auch Menschen kämen, die sich sonst kaum mit dem Thema auseinandersetzen: „Da merken dann vielleicht auch die Letzten, dass ihnen Homosexuelle nicht sofort an die Hose gehen.“
Sven Kachel, Organisator einer queeren Lesung, weiß, dass sich keine homophoben Menschen zu den Veranstaltungen verirren werden. „Die Chance, dass die dann ‚Erleuchtung durch die Kraft des Regenbogens‘ erfahren, ist sowieso sehr gering“, fügt er ironisch hinzu. Er sieht das Potential des Festivals woanders: „Durch die Flyer und Plakate, die anstehende Demonstration und nicht zuletzt durch diesen Artikel wird öffentliche Sichtbarkeit hergestellt, die es braucht, um Minderheitengruppen gedanklich einbeziehen und in individuellen Entscheidungen berücksichtigen zu können.“

Niclas Seydack