Der Eisenacher Ballettchoreograph im Gespräch

Andris Plucis
Andris Plucis. Foto: Carola Hölting.

Andris Plucis ist Ballettchef im Theater Eisenach. Der Sohn lettischer Eltern, in Zürich geboren, in Österreich und England aufgewachsen, sprach mit Akrützel über sein aktuelles Stück, die Zukunft des Theaters und das Leben als Balletttänzer.

Wie sind Sie zum Tanz gekommen?
Ich wollte eigentlich nie tanzen. Mein Vater, ein bekannter Ballettmeister, hat mich gezwungen. Er fand, dass ich von uns drei Söhnen das meiste Talent hatte. Anfangs wollte ich nicht so richtig widersprechen. Als wir später nach England gegangen sind, hatte ich dort die Möglichkeit auf die Royal Ballet School zu gehen.

Warum haben Sie sich gerade jetzt für die Inszenierung von „Le Sacre du Printemps“ entschieden? Das Werk von Stravinski hat in seiner Zeit extreme Reaktionen hervorgerufen. Wo liegt heute das Potential?
Es gibt bestimmte Musiken, die haben in der künstlerischen Szene großen Wert. Für das 20. Jahrhundert ist „Le Sacre du Printemps“ definitiv eines davon. Das ist ein Ballett, das immer wieder aufgeführt wird – eine Herausforderung.
Was mich persönlich fasziniert hat, war, dass Sigmund Freud im gleichen Jahr, also 1913, „Totem und Tabu“ herausgebracht hat, in dem eine ähnliche Thematik eine Rolle spielt: das Ritual der Menschenopferung. Freud hat viele Gedanken zum ersten Mal zusammengebracht. Es ist genauso viel Kultur wie Psychologie in seiner Arbeit. Nicht alles davon ist haltbar, aber man kann es als singuläres Kunstwerk betrachten.

Worum geht es im Kern?
Um die Opferung als den Ursprung der Zivilisation und Kultur. Das Stück kann man auch so interpretieren, dass eine Gesellschaft ein Ritual vollzieht und das schiefläuft, weil die Emotionen nicht im Rahmen bleiben. Daraus entspringen extreme Konflikte, was am Ende zum Abschlachten des ganzen Ensembles führt.

Die Kritiken sind sehr positiv ausgefallen – sogar der Vergleich zu Arbeiten von Pina Bausch ist gefallen. Was bedeutet Ihnen das?
Am Anfang der Karriere sind Kritiken sehr wichtig. Dann ist man am Boden zerstört, wenn es nicht gut ankommt oder euphorisch, falls die Kritiken sehr gut ausfallen.
Ich muss gerade aufpassen, dass es nicht arrogant erscheint, wenn ich sage, dass es mir inzwischen scheißegal ist, was sie schreiben. Mit der Zeit spürt man die Qualität selber. Dann denkt man schon, dass es bei dem einen oder anderen Stück nicht ganz zu Unrecht ist, wenn man in die Pfanne gehauen wird.

Was hatten Sie bei diesem Stück für ein Gefühl?
Es war sehr stimmig und ich bin froh, dass es auch von außen so gesehen wird. Dieser extremen Radikalität der Musik muss man gerecht werden. Da kommt es auf mehr als nur bestimmte Bewegungsabläufe an – die übergeordnete Idee muss verstanden werden.

Was ist das besondere am Ballett in Eisenach?
Eisenach ist die einzige deutsche Stadt ihrer Größe, die so ein ausgeprägtes Ballett hat. Weil das Ensemble auch das Theater in Meiningen bespielt, wurde die Ballettsparte hier bestärkt. Außerdem arbeite ich mit den Tänzern hier gerne zusammen, weil sie so flexibel und für jede Idee offen sind.

Wie geben Sie Ihre komplexen Gedanken zu einem Werk an die Tänzer weiter?
Am Anfang steht ein Konzeptgespräch. Wir arbeiten mit Bildern. Die Tänzer müssen von Anfang an wissen, wonach man sucht – in welche Richtung man arbeitet.

Die Diskrepanz zwischen dem Menschenmöglichen und der Leichtigkeit, die Ballett ausstrahlt, macht es so interessant. Je unmöglicher es ist, desto leichter muss es aussehen. Wie schafft man das?
Man muss die Technik beherrschen. Denn erst, dann kann ich die Leichtigkeit aufbauen. Den Schmerz spürt man dann nicht mehr. Nur muss man damit vernünftig umgehen. Der Tänzer hat immer Schmerzen, er muss nur ein gesundes Gefühl dafür entwickeln, wann es gefährlich wird.

Trotz dieser Selbstausbeutung sind Tänzer am Theater vergleichsweise schlecht bezahlt. Wie kommt das?
Die Ballettsparte hat es schon immer am schwersten. Ein Tänzer verdient hier 1.850 Euro brutto – also ungefähr 1.200 Euro netto. Und es gibt keine Steigerung wie in anderen Berufen.

Das Verfallsdatum bei Tänzern baut sicherlich ziemlich viel Druck auf. Was machen die Menschen danach? Sie haben Ihre Niesche gefunden, aber nicht jeder kann Choreograph werden.
Das ist ganz unterschiedlich. Viele versuchen eine Umschulung zu machen: einige arbeiten weiter mit dem Körper, zum Beispiel als Physiotherapeuten, andere bleiben am Theater als Inspizienten. Ab Mitte 30 ist es angesagt, sich wirklich etwas Neues zu suchen.

Welche Rolle werden Theater in Zukunft spielen?
Das ist eine schwierige Frage. In Zeiten des Internets bleibt das Besondere des Theaters das Mensch-zu-Mensch-Erlebnis. Die Frage ist, ob der Zuschauer weiter die Leidenschaft zum Theater aufbringt. Denn wie das Wort schon sagt: Leiden schafft Leidenschaft. Die Leidensfähigkeit des Menschen nimmt aber durch die Schnelllebigkeit des Netzes ab. Der Kick, dass man alles an- und wegklicken kann, bedeutet, dass man nichts aushalten muss. Bei der Kunst muss man in die Tiefe gehen. Das beste Beispiel ist, eine Wagner-Oper zum ersten Mal zu hören, die fünf Stunden geht. Das ist hart. Am Ende ist es doch aber so, dass Richard Wagner besonders leidenschaftliche Fans hat, weil sie das durchgestanden haben. Sie haben den Wert entdeckt.