Beschmierte Göttinnen im Paradies

Von Bastian Gebel
Ein dünner Schutzmantel aus Folie hält den Lauf der Dinge nicht auf – so viel steht fest.
Ein dünner Schutzmantel aus Folie hält den Lauf der Dinge nicht auf – so viel steht fest. Foto: Christoph Worsch.

Es ist Frühling im Paradies. Durch das grüne Band schlängelt sich die Saale und regt zu einem Rundgang an. Dort stoßen dieser Tage die Besucher auf drei steinerne Kolosse, die in der Dunkelheit so manchen nach zu viel Gerstensaft in Erstaunen versetzen. Doch was sich da aus Marmor hinter dem Paradiesbahnhof erhebt, sind nicht etwa die bestimmenden Damen im Leben eines Bildhauers. Es sind die Moiren: Klotho, Lachesis und Atropos – jene drei Weberinnen der antiken Sagenwelt, die das Schicksal eines jeden mit dessen Lebensfaden verflechten und den Sterblichen dann am Ende seines Daseins in die Unterwelt geleiten. Wer glaubt, dass die drei neu seien in der Kunstlandschaft Jenas, irrt. Bereits 2004 wurden sie auf dem Gelände des Uniklinikums in Lobeda aufgestellt, mussten nun aber Umbauarbeiten weichen.

Geschaffen hat die bis zu 2,50 Meter hohen Plastiken die in Mecklenburg-Vorpommern lebende Künstlerin Anne-Katrin Altwein. Die Allrounderin, die auch Grafiken und Keramiken entwirft, hat in Halle an der Saale studiert und ist mit ihren Arbeiten in Thüringen unter anderem auch auf dem Weimarer Burgvorplatz und auf dem Gelände der Erfurter Gartenausstellung präsent.

Keine Frage, dass die postmodern anmutenden Figuren nicht jeden Vorbeiziehenden an antiken künstlerischen Liebreiz erinnern. Doch im Gegensatz zu Stellas Stahlgebilden auf dem Campus sind sie für jedermann als Skulpturen und damit als Kunstwerke zu erkennen. Sie fügen dem Paradies-Park eine zusätzliche interessante Note hinzu. Da erscheint es als Faustschlag in das Gesicht der Kulturlandschaft Jenas, dass bereits am Wochenende des Umzuges von Lobeda ins Paradies Unbekannte Klotho und Lachesis mit Graffiti beschmierten.

Die Polizei ermittelt mit Vergleichsmustern, hat bis jetzt aber noch keine Ergebnisse vorzuweisen. Sprayer, die Kunst schänden: Das ist nicht nur fatal für das Verhältnis zwischen den verschiedenen Schaffenden. Da spielt es keine Rolle, dass dies nicht der erste Anschlag auf ein Kunstwerk in der Saalestadt ist. Solches Verhalten ist vor allem für Jenas Ruf als Ausstellungsfläche schädlich. Hiervon sollte sich die Graffitiszene, welche gerade von der Akzeptanz ihrer Umgebung abhängig ist, klar distanzieren. Denn auch wenn der Schaden umgehend behoben wurde und die Skulpturen nun mit einem speziellen Graffitischutz versehen sind, sollte man sich lieber nicht mit den Herrinnen des Schicksals anlegen.