Ende April fand die neunte Tolkien-Konferenz an der FSU statt

Der kleine Hobbit stellt seine ausgefeilten Marketing-Konzepte vor.
Der kleine Hobbit stellt seine ausgefeilten Marketing-Konzepte vor. Zeichnung: Martin Emberger

Kleine Männer mit dicken Bäuchen und langen zotteligen Bärten im Foyer des Campus. Einige in Kettenhemden, andere mit grünen Filzcapes. So zumindest könnten die Erwartungen aussehen, wenn sich die Deutsche Tolkien Gesellschaft zu ihrer Jahreskonferenz zusammenfindet.
Doch diese Vorstellung wird jäh zerschlagen. Manche ein bisschen nerdy, aber in normaler Kleidung des 21. Jahrhunderts, so warten die Teilnehmer am Freitag, den 27. April, nachmittags im Hörsaal 7 auf den ersten Vortrag. Man ist per Du und führt angeregte Fachgespräche. Einzig das Begrüßungskomitee, das den Eintreffenden den Weg weist, lässt kurz stutzen – in ihren „Mönchskutten“ wirken die zwei Männer nicht ganz wie aus unserer Zeit.
Gleich in seiner Eröffnungsrede betont Professor Thomas Honegger vom Institut für Anglistik den wissenschaftlichen Charakter der jährlich stattfindenden Konferenz. Dieses neunte Zusammentreffen ist dem Einfluss von J. R. R. Tolkien auf die moderne Fantasyliteratur gewidmet. „Fantasy passt eigentlich gar nicht zu Jena, schließlich ist die Stadt doch eher ein Zentrum der Frühromantik“, meint Honegger. Trotzdem kommen die Tolkien-Anhänger hier nun schon zum vierten Mal zusammen. Die FSU entpuppt sich als kleines Mekka der Tolkien-Forschung. Sogar Abschlussarbeiten wie die von Stefanie Busch werden hier verfasst. Die Anglistik/Amerikanistik-Studentin setzt sich in ihrer Bachelorarbeit mit der Darstellung der Königreiche im „Herrn der Ringe“ im Vergleich zu historischen Königreichen auseinander.

Wissenschaftlich statt nerdy

Getreu dem akademischen Anspruch – alle Vortragenden haben einen universitären Abschluss – beginnt der Theologe Thomas Fornet-Ponse in dunklem Anzug, mit roter Krawatte und Power-Point-Präsentation seine Ausführungen zum Problem der Messbarkeit von literarischem Einfluss. Der Seminarraum mit Platz für 80 Personen ist nicht ganz ausgefüllt. Aber diejenigen, die anwesend sind, zeigen sich höchst interessiert und diskutieren im Anschluss rege mit.
Denn Tolkien fasziniert. Nicht nur in Deutschland. Die beiden wie Mönche Gekleideten Guglielmo Spirito und Emanuele Rimolie referieren mit italienischem Akzent auf Englisch über die sogenannte Inner Consistency of Reality, die vorliegt, wenn Akteure und Handlung in glaubhaft vermittelter Kohärenz stehen. „Man hält sich gern in Tolkiens Welt auf, egal welche Richtung das Geschehen nimmt“, erklärt Viktoria ihre Faszination. Die Schülerin, die während der Vorträge sehr gewissenhaft an ihren Bildern von Kobolden und Prinzessinnen zeichnet, ohne dabei die Aufmerksamkeit den Referenten gegenüber zu verlieren, schreibt in ihrer Freizeit selbst Fantasy.

Das Gute zwischen trashigen Buchdeckeln

Der weltweite Erfolg von Tolkiens Romanen ist das Fundament moderner Fantasyliteratur. Gesteigert wurde die Nachfrage durch monumentale Verfilmungen der Herr-der-Ringe-Bücher, aber auch moderner Werke wie „Harry Potter“ von J. K. Rowling. So ist es wenig verwunderlich, dass die Deutsche Tolkien Gesellschaft den Fantasy-Verleger Friedhelm Schneidewind, dessen Name klingt wie der einer Figur aus einem der einschlägigen Werke, zu Wort kommen lässt. Dieser präsentiert am Samstagvormittag eine ganze Reihe von Marketing-Konzepten zum professionellen Verkauf von Fantasybüchern. Dabei bezieht er sich vor allem auf die sogenannten Völkerromane, wie „Die Zwerge“ vom deutschen Autor Markus Heitz oder „Die Orks“ vom Briten Stan Nicholls.
Nach Heitz habe Tolkien das Grundmodell entworfen. Die modernen Fantasyautoren würden auf diesem Modell aufbauen, brächten aber eigene Ideen ein. Auch Honegger hat schnell festgestellt, dass die Motive aus den Tolkien-Büchern immer wieder in anderen Werken auftauchen. Doch an den Meister komme keiner ran. Auf die Frage, ob Fantasy nicht einen leicht trashig anmutenden Stil habe, entgegnet er: „Es ist die Aufgabe der Literaturkritiker, das Gute vom Schlechten zu trennen.“ Schwierig bleibe dabei jedoch, sich nicht von genretypischen Buchcovern beeinflussen zu lassen, sondern von der Qualität der Inhalte.
Das Niveau der akademischen Auseinandersetzung mit Tolkiens Werk bewies die Ernsthaftigkeit, um die es den Organisatoren ging. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, hat bei der nächsten Konferenz in einem Jahr in Aachen dazu Gelegenheit.