Biene Maya

Das Theaterhaus inszeniert den Weltuntergang

Um Vergebung bittend.
Roland Emmerich bittet um Vergebung für seine Filme. Foto: Theaterhaus Jena.

Welches Datum ist heute? – Es ist der 21. Dezember 2012. Nach dem Maya-Kalender ist es der Tag des Weltuntergangs; nach „Bienen I“, einem Stück, das gegenwärtig am Theaterhaus Jena zu sehen ist, „ein Tag wie jeder andere“. Das Schauspiel bringt alles auf die Bühne, was die Welt so ausmacht: den Weihnachtsmann, Jesus, Sex und die Ziege. Und eben Bienen. Der russische Autor Alexej Schipenko bezieht sich damit auf den von Einstein hergestellten Zusammenhang: „Wenn die Bienen sterben, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Der ökologische Kreislauf gerät ins Wanken, das Gleichgewicht der Welt ist nicht wiederherzustellen. „Bienen I“ entstand in Zusammenarbeit mit der Theatergruppe O-Team und dem Theater Rampe Stuttgart. Es bringt das Chaos einer desorganisierten Welt auf die Bühne, sodass es dem Zuschauer nicht leicht fällt, seine oberflächliche Strukturlosigkeit zu durchschauen.
Verstören soll sie wohl, diese inszenierte Collage des alltäglichen Untergangs. Der Weihnachtsmann mit seinem russischen Akzent, seinem echten Hund und einem Sack voller Geschenke, aus deren roter Verpackung sich geschickt brauchbare Requisiten auswickeln lassen, tritt auf wie ein Landstreicher, ein Obdachloser. Einer, wie ihn jeder kennt – aus der Bahn, von der Ecke, vom Späti – und dem vor Betretenheit niemand in die Augen zu schauen wagt. Er ist mit der Weisheit der Welt bis obenhin gefüllt, sodass sie nur so aus ihm heraus sprudelt. Schlurfend bewegt er sich über die Bühne, durch den Sand, in dem ein Aufzug steht. Die Türen sind geschlossen, ein Barde spielt daneben Gitarre. Auf dem Fernseher am vorderen Bühnenrand werden im Verlauf des Stückes Einspieler gezeigt.

„Ich fahre im Aufzug“

„Mein Aufzug ist golden. Man hat einen goldenen Buddha, den goldenen Shiva, den goldenen Jesus und all die übrigen Goldigen in ihm verstaut. Ich liebe sie alle. Und sie lieben mich. Mehr kann ich nicht sagen.“ Eine Erzählerstimme übernimmt und reißt den Betrachter aus der klar strukturierten Szenerie. Es muss eine Erklärung gefunden werden. Der Anspruch des Stücks wird schnell klar: Nichts soll einfach sein, alles lässt sich deuten. Die Verwirrung beginnt und wird bis zum Ende nicht mehr aufhören. Die vielen Bildebenen – Bühne, Geschehen im Fahrstuhl, Fernseher, Projektionsfläche hinter der Bühne – überfordern; die Verwendung der Technik beginnt bald zu nerven.
Zwischen den gewichtigen, getragenen Erzählereinspielungen treten weitere Charaktere auf: ein Fahrstuhlmechaniker und eine Frau, die – wie alle in diesem Stück – nach unten will, zum Ausgang. Doch der Aufzug fährt nach oben. Innerhalb dieser Konstanten – Welches Datum ist heute? – Es ist der 21. Dezember 2012 – werden Geschichten erzählt. Die Frau besucht ihren Bruder im Krankenhaus, fährt Aufzug, er öffnet sich in einem Stockwerk, das es nicht gibt, dessen Tür nur einmal im Leben aufgeht, sie zögert – und steigt nicht aus. Ein Freund des Weihnachtsmannes, Kolja, Kapitän der Kursk, entgeht dem Untergang durch Frühpensionierung – an einem 21. Dezember. Der Weihnachtsmann selbst baut sich daraufhin ein Kruzifix für den Weg nach oben, das die Dimensionen des Fahrstuhls übersteigt. Kurzerhand sägt er es kleiner.

Leben und Verderben

Das Verbindende dieser und anderer Episoden ist der Fahrstuhl, ist die Erzählstimme. Wie in einem Rätsel der Sphinx versucht der Zuschauer alles miteinander zu kombinieren: Es geht um Liebe und Tod, um Zukunft und Untergang. Doch was ist der Fahrstuhl? Die Liebe? Das Leben? Das Herz? Ein Gefühl? Die Schauspieler wechseln ihre Rollen, der Mechaniker wird zu Katastrophenregisseur Roland Emmerich. Die Requisiten wollen immer neue Assoziationen hervorrufen, tun es aber nicht. Bis man sich angestrengt in sie hineingedacht hat, haben sie sich bereits wieder gewandelt. Zu was, wird nicht deutlich. Nur der Aufzug bleibt gleich. Hoffentlich ist er nicht Gott.
In ihm fahren die Schauspieler ihrem Untergang in der unendlichen Höhe entgegen. Welches Datum ist heute? – Es ist der 21. Dezember 2012. Die Welt geht unter, die Bienen sind lange tot. Der Hund bekommt ein gehörntes Stirnband und wird zur Ziege: der Teufel. Als Gegenstück erhalten die Schauspieler leuchtende Heiligenscheinpropeller. Atmosphärisch, der Aufzug versinkt in indirektem goldenen Licht, ziehen sie um ihr Zentrum, den Fahrstuhl. Das Bild ist schön, ruhig, die Musik schaukelt sich hoch, der Barde ist schon lange nicht mehr ausreichend. Der Untergang ist da, der Mechaniker mistet den Aufzug aus, Bücher kommen hinter den Wandverkleidungen hervor und werden verbrannt. „Was nützen dir tote Gedanken von Toten? Du bist doch am Leben!“, fragt der in rot gekleidete Weise, der längst kein Weihnachtsmann mehr ist.
Das Stück hat seinen Höhepunkt erreicht und die Fragen wachsen sich aus. Der Tod ist eingetreten. Wieder die Hoffnung auf ein weniger pathetisches Ende, auf weniger fetten goldenen Putz: Hoffentlich ist der Aufzug nicht Gott. Zu sagen bleibt den Schauspielern kaum noch etwas, der Zuschauer versinkt ins Grübeln. Etwas viel Leben, Realität ist im Stück, etwas viel Weisheit und Freude am Untergang: „Warum muss man die Welt denn retten, die will ja sowieso niemand haben.“ Das Ende soll wohl positiv sein, denn alles wird gut: Die böse Welt ist vernichtet, was bleibt ist die Liebe. Die Hoffnung zerplatzt, hervor quillt Enttäuschung: „Und dann habe ich verstanden, wer ich bin. Ich fahre. Ich halte nicht an. Ich bin Gott.“

Nächste Aufführungen: 30. und 31. Mai, 20 Uhr, Hauptbühne Theaterhaus Jena.

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