Die Uni platzt aus allen Nähten – jetzt soll der Inselplatz bebaut werden

Nach zehnminütiger Parkplatzsuche ist das Fahrrad an eine Laterne auf dem Campus geschlossen. Horden von Studenten quetschen sich durch die Glastür in die Uni, vorbei an einer Schlange Urinierwütiger, die den Eingang blockiert. In Seminarräumen sitzen wissbegierige Studenten – auf Stühlen, Tischen, Heizkörpern und dem Boden. Die Luft wird knapp. Jemand nölt. In der Cafeteria zeigt sich das selbe Bild: Eine Menschentraube drängt sich vor dem Kaffeeautomaten, um ein wenig des lebensgeisterweckenden Getränks zu ergattern. Die Uni braucht kein Koffein – sie lebt. Sie braucht auch nichts zu essen – sie platzt aus allen Nähten.
Schon in der Ziel- und Leistungsvereinbarung für den Zeitraum von 2008 bis 2011 erkannten der damalige Kultusminister Bernward Müller (CDU) und Unirektor Prof. Klaus Dicke in der Problemanalyse, woran es mangelt: an Räumen. Rein rechnerisch wäre damals für 9.500 Studenten Platz gewesen, real studierten zu diesem Zeitpunkt schon mehr als doppelt so viele. Ursachen für diesen Mangel, so gibt das Papier zu verstehen, seien die Raumanforderungen für Forschung und ein gestiegener Bedarf durch die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem. Der Erfolg der hiesigen Hochschule bei der Einwerbung von Drittmitteln sei zwar positiv zu werten, verschärfe das Problem aber gleichzeitig, erklärt Axel Burchardt, Pressesprecher der Universität: „2010/2011 wurden über 80 Millionen Euro eingeworben, dieses Geld ist aber nur für Personalkosten vorgesehen.“ Büros und Forschungsflächen für über 1000 Mitarbeiter zu finden, sei keine einfache Aufgabe.

Drei Fußballfelder fehlen

Im letzten Jahr standen der Universität knapp 150.000 Quadratmeter zur Verfügung ­– es fehlen aber weitere 20.000. Das entspricht einem Defizit von etwas weniger als drei Fußballfeldern. Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Viele der Gebäude, die aktuell in Benutzung sind, befinden sich in einem schlechten Zustand. „Durch die hohe Last ist der Verschleiß viel größer“, erklärt Mike Niederstraßer, Stura-Referent und Stadtratsmitglied. Wenn die doppelte Anzahl an Menschen die Gänge frequentiert, treten Schäden schneller auf, die beseitigt werden müssen. Gerade im Komplex der Carl-Zeiss-Straße 3 sackt an unzähligen Stellen der Estrich ab, die Toiletten sind desolat und Fenster lassen sich nicht mehr schließen. Also fallen Kosten für Renovierungen früher an, die natürlich auch aus den der Uni zur Verfügung stehenden Landesmitteln für Baumaßnahmen beglichen werden müssen.
Da bisher das große Geld für unieigene Neubauten fehlte, behalf man sich vor allem mit Anmietungen von privaten Eigentümern. Während Teile der Gebäude am Campus, des Klinikareals in der Bachstraße und zahlreiche alte Stadtvillen der Uni gehören, sind viele andere Räumlichkeiten angemietet. Dazu gehören die Campusseite der Goethegalerie, Räume im Jentower und das neue Universitätsarchiv in der Melzerstraße. Letzteres ließ die Ärzteversorgung Thüringen bauen. Laut Daniel Kropp, dem Referenten der Geschäftsführung der Ärzteversorgung, fungiert die Immobilie als Geldanlage, mit der Ärzte in ihre Renten investieren. Für Burchardt handelt es sich um einen Glücksfall für die Uni, da sie zumindest in Ansätzen an den Planungen des Gebäudes teilhaben durfte. Mike sieht diese öffentlich-privaten Partnerschaften skeptisch: „Hätte es das Land selbst gebaut, wäre es billiger geworden.“ Die regelmäßigen Mieten summieren sich im Endeffekt zu einem viel größeren Betrag als für einen Neubau hätte aufgebracht werden müssen.

„Jetzt wird es Zeit, dass wir nochmal richtig investieren.“

Das Problem staatlicher Bauprojekte: Große Geldmengen müssen in einem Schlag aufgebracht werden. Für den Pressesprecher der Uni sind die Probleme, die sich daraus ergeben, nicht mehr von der Hand zu weisen: „Es muss etwas getan werden, damit das Flaggschiff der Thüringer Universitätslandschaft nicht abgehängt wird.“ Das ist aber nicht so einfach, denn laut Burchardt ist „Bauen und das Schaffen von Infrastruktur eine Aufgabe des Landes und deswegen muss dieses von jedem Projekt überzeugt sein“.
Die Kernuniversität, also die Hochschule ohne Medizin, bekam seit 1990 nur zwei größere Neubauten: die Thulb und das Gebäude des Instituts für Anorganische und Analytische Chemie. Das liegt unter anderem am teuren Neubau des Uniklinikums in Lobeda. Für Rektor Klaus Dicke ist das einer der fundamentalen Gründe für die Defizite der FSU: „Der Uniklinikneubau hatte Priorität, weil es das einzige Uniklinikum in Thüringen ist. Da hängen nicht nur Forschung und Lehre dran, sondern auch eine optimale Krankenversorgung.“ Allein für die zweite Bauphase – die erste ist bereits abgeschlossen – sind 286 Millionen Euro an Kosten veranschlagt, die Finanzierung durch das Land ist vollständig gesichert. Die Nöte der Kernuni rücken erst jetzt in den Mittelpunkt. „Ein erster Schritt ist getan“, erklärt Burchardt, „die Mittel für das Klinikum wurden aus dem Hochschulbauetat herausgenommen.“
Um dem Problem beizukommen, ändert das Kultusministerium sein Finanzierungskonzept. Während bisher sowohl Großprojekte als auch kleine Investitionen einzeln beantragt werden mussten, soll es in Zukunft einen Topf geben. Aus dem können die Hochschulen selbst Gelder schöpfen und sich überlegen, für welche Baumaßnahmen sie diese Mittel einsetzen. In einem neuen Hochschulpakt sollen die Finanzen für einen Zeitraum von vier Jahren geklärt werden. Kultusminister Matschie verspricht sich davon eine größere finanzielle Stabilität für die Hochschulen. Für räumliche Veränderungen sollen in Zukunft für alle Thüringer Hochschulen jährlich 40 Millionen Euro bereitstehen. „Davon wird vieles in Jena investiert werden“, sagt Matschie. Außerdem sind zusätzliche Mittel für Bauprojekte versprochen.

Campus Inselplatz

Auch wenn mit der Lösung des finanziellen Problems alles steht und fällt, ist dies nur ein Aspekt eines Bauvorhabens. Gerade in einer Stadt wie Jena, deren Raumdefizit allgegenwärtig ist, sind Freiflächen im Innenstadtbereich rar. Schon seit geraumer Zeit werden Verhandlungen zur Bebauung des begehrten Inselplatzes geführt. Um Ideen zu sammeln, schrieb die Stadt 2008 einen Architekturpreis aus. Der Vorschlag eines Büros aus Stuttgart setzte sich am Ende gegen 192 weitere durch. Für Kristin Kalbhenn vom siegreichen Architekturbüro Wick und Partner stellte der städtebauliche Wettbewerb eine Herausforderung dar, weil die Möglichkeit ein derart großes Grundstück in einer so zentralen Lage zu beplanen eine Seltenheit sei. „Auch wenn es für solche Ausschreibungen ein Preisgeld gibt, lohnt es sich finanziell nicht“, erklärt Kalbhenn. „Im besten Fall kann man auf einen Folgeauftrag hoffen.“ Den hat das Büro auch bekommen: Es ist mit der Aufgabe betraut worden, den Rahmenplan zu entwickeln, in dem der gesamte Platz in Parzellen aufgeteilt wird und in den konkretere Vorstellungen integriert werden müssen. Das ursprüngliche Konzept wurde angepasst und weiterentwickelt.
Geändert hatten sich die Grundvorstellungen in der Tat: Mittlerweile ist für alle Beteiligten gut vorstellbar, dass große Teile des Inselplatzes zur Uni gehören sollen. Der Bau eines neuen Rechenzentrums auf dem Platz stehe bereits fest, bestätigt Udo Hätscher, Dezernent für Liegenschaften und Technik der FSU. Die Finanzierung dafür ist gesichert: Die Mittel kommen von der EU. Da diese bis 2015 ausgegeben sein müssen, sollen laut Rektor Dicke schon im nächsten Jahr die Bagger rollen. Die Bebauung des restlichen Platzes wird sich länger hinziehen. Dafür ist die Uni mit einigen Instituten im Gespräch. Vorstellbar wäre eine Campuslösung wie auf dem Ernst-Abbe-Platz: IT-lastige Bereiche könnten so um das neue Rechenzentrum gruppiert werden. Dicke hält dies für eine praktikable Lösung. Institute, die in der Stadt verteilt liegen, ließen sich seiner Ansicht nach konzentrieren. Damit meint er zum Beispiel die Psychologie. In jedem Fall spekuliert die Uni auf eine zusätzliche Nutzfläche von 40.000 Quadratmetern. So würden die Platzdefizite ausgeglichen und 20.000 Quadratmeter Mietfläche in der Stadt aufgegeben werden.
Die Uni kann den Platz aber nicht nach eigenem Gutdünken verplanen, auch wenn das Grundstück – stark vereinfacht – von Stadt- zu Unieigentum übergeht, indem es gegen Bereiche in der Bachstraße, die sich in FSU-Besitz befinden, getauscht wird. In der OTZ äußerten sich viele der Kandidaten für den Oberbürgermeisterposten positiv gegenüber der Bebauung des Platzes durch die Hochschule. Bisher ist klar, dass auf dem Platz nicht nur Wissenschaft und Forschung, sondern auch Konsum und Gewerbe angesiedelt sein soll. „Gebaut wird als Kerngebiet, nicht als Sondernutzungsfläche Wissenschaft/Forschung, was auch andere Nutzungsarten zulässt,“ erklärt Mike. Außerdem könne so bis an die Grundstücksgrenzen gebaut werden, was eine maximale Flächenausnutzung gewährleistet.

Kleines soll dem Großen weichen

Daran geknüpft sei aber noch ein anderer Aspekt, dem Mike mit einigen Bedenken gegenübersteht. Bisher ist die gesamte Platzfläche verplant – auch dort, wo jetzt noch Menschen wohnen. Das Haus Inselplatz 9a, das vielen Studenten als soziokulturelles Zentrum bekannt ist, gehört der Ernst-Abbe-Stiftung und müsste laut Rahmenplan abgerissen werden. In den letzten Jahren wurde im Garten eine Volksküche etabliert. Diese ist aber inzwischen vom Vermieter untersagt. Viele politsch aktive Gruppen nutzen das Haus als Treffpunkt. Oliver Schubert, einer der Bewohner, setzt sich zusammen mit anderen für den Erhalt ein. Nachdem ihnen klar wurde, dass ihr Haus in Gefahr ist, begannen sie, sich durch die Institutionen zu arbeiten: „Wir haben im Stadtrat Rederecht beantragt, das uns aber verwehrt wurde. Ein Vertreter der Partei Die Guten hat dann unseren vorbereiteten Text vorgetragen.“ Außerdem hätten sie sich an die einzelnen Ausschüsse gewandt: „Unser Besuch im Stadtentwicklungsausschuss wurde zur Farce. Die meinten, dass sie mit unserem Anliegen nichts zu tun hätten.“ Die Rückmeldung vieler Politiker sei, dass sie die Arbeit schätzen. Jedoch steht dem ein wirtschaftliches Interesse gegenüber. Oliver lacht über den absurd wirkenden Vorschlag einiger Politiker, sie sollten das Haus doch besetzen.
Grundsätzlich muss zwischen der Stadt und den Eigentümern verhandelt werden. Leidtragende werden aber die Bewohner und Besucher des Zentrums sein. Die bisherigen Versuche ein Haus als Alternative zu finden, sind gescheitert. „Da mische ich mich nicht ein“, sagt Dicke. Auf Anfrage äußerte sich der Justitiar der Abbe-Stiftung Jörg Hühn abwartend. Oberbürgermeister Albrecht Schröter ist der Meinung, dass das Grundstück Inselplatz 9a dringend erforderlich sei, wenn etwas Neues entstehen solle. Generell kann niemand zum Verkauf seines Grundstücks gezwungen werden, es sei aber damit zu rechnen, so Mike, dass die Angebote an die Eigentümer von vornherein gut seien. Ihnen müsse klar sein, dass ihre Grundstücke, wenn erst einmal ein mehrgeschossiges Gebäude vor ihrer Nase hochgezogen ist, wertlos werden. Ohne Sonne, eingeklemmt zwischen Bahndamm und Hauptverkehrsstraße, werden sich auch die Standhaftesten noch zum Verkauf entschließen. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.
Darüber, wie genau der Inselplatz aussehen wird, schweigt man sich bislang aus, da die Finanzierung noch unklar ist. Laut Matschie kommen diese Mittel zum jährlichen Bauetat hinzu. „Bei einem sinkenden Landeshaushalt ist das eine komplizierte Aufgabe, aber ich glaube, sie ist lösbar.“ Eine finanzielle Unterstützung kann auch der Verkauf alter, unieigener Stadtvillen sein. Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung ist in Arbeit. Eine weitere Option sind private Investoren, Kalbhenn vom Architekturbüro ist sich sicher, dass man für den Platz locker zehn bis fünfzehn gewinnen könne. Ob die Stadt dazu schon in Verhandlungen steht, bleibt unklar. Hier liegt auch der Anknüpfungspunkt für Kritik am Verfahren. In der OTZ wünschen sich Denis Peisker (Die Grünen) und Andreas Mehlich (parteilos), Kandidaten in der Oberbürgermeisterwahl, „dialogorientierte Verfahren“ und eine „stadtweite Debatte“ wie beim Eichplatz. Stattdessen scheint der Inselplatz in den Köpfen der Menschen aber in Vergessenheit geraten zu sein. Während sich die Eichplatzdebatten über Jahre hinziehen, spricht vom Inselplatz kaum jemand.

Nicht gekommen um zu bleiben

Dabei kommen motzenderweise oft die besten Ideen zustande – wenn man denn darüber informiert wird, worüber es zu motzen gäbe. In der Uni bietet auf jeden Fall die nervende Enge die Möglichkeit, sich auszutauschen – mit einem Kommilitonen auf dem Schoß lässt es sich angeregt sinnieren und diskutieren. Nölen und Meckern allein macht auf Dauer schließlich nicht glücklich. „Sechs Semester und ich bin weg“, mag der eine oder andere denken oder sich ärgern, dass er nur die Phase der Bagger und Presslufthämmer in Jena erleben wird. Die momentane Ausgangssituation bietet jedoch die Möglichkeit mitzuentscheiden, wofür der Lärm gemacht wird und eine kleine Spur zu hinterlassen.