La boum — die Fete

Ein Streifzug durch Lobedas Nachtleben

Von Philipp Böhm

Foto: Katharina Schmidt

Die Straßenbahn ist gut gefüllt, wohlige Wärme und dezenter Glühweingeruch machen sich in den Wagen breit. Es ist zwanzig vor zehn und die 35 macht sich mit einem Rucken auf den Weg nach Lobeda. Ein Student, der trotz seiner geschätzten zwanzig Sommer schon mit Geheimratsecken geschlagen ist, schläft auf seinem Platz und bemerkt nicht, dass sein Mund sperrangelweit offen steht. Neben ihm unterhalten sich drei Mitt­sechzigerinnen über die Fortpflanzungsaktivitäten ihrer Nachfahren. Ein junges Pärchen streitet über den Abwaschplan in ihrer gemeinsamen Wohnung. Die Straßenbahn passiert derweil das Sportforum und Burgau und hält schließlich an der Emil-Wölk-Straße in Lobeda-West.

Zwei einsame Mädchen mit kunstvollen asymmetrischen Frisuren stehen frierend an der Haltestelle, gegenüber ragt das hell erleuchtete Kaufland empor. Eine Chinesin mit ungefähr 27 Schnallen an ihren Stiefeln und bedrohlich aussehenden Fingernägeln kennt den Weg zur ersten Station des nächtlichen Lobeda-Rundgangs, der „Schmiede“: Diesen selbst ernannten Studentenclub findet man gleich hinter dem „Lobeda Casino“ und dem Teppich- und Textilienfachgeschäft. Auf einem großen Flachbildschirm läuft Fußball, der Raum ist bis auf eine Handvoll Gäste vollkommen leer. Es riecht etwas nach verbranntem Fett, dafür trägt die Bedienung aber schöne Ohrringe. Sie unterhält sich angeregt mit einem Gast über die nackten Frauen auf der ersten Seite der Bild-Zeitung. Anscheinend findet sie es ganz gut, dass dort auch hin und wieder nackte Männer zu sehen sind. Der Gast findet das eigentlich nicht. Mit seinen geschätzten 50 Jahren entspricht er etwa dem Altersdurchschnitt der Kundschaft. Einzig im hinteren Zimmer stecken drei junge Kerle konspirativ die Köpfe zusammen: Sie tragen allesamt Baseball-Kappen und große Tunnel in den Ohren. Vermutlich würden sie gefährlicher wirken, trüge nicht gleichzeitig einer von ihnen eine hellblaue Gürteltasche quer über den Rücken. Hier steppt offensichtlich nicht der Bär, doch die Bedienung meint zuversichtlich: „Manchmal ist hier mehr los.“

Heute keine Eimer

Der nächste Halt ist „der Boom“ in der Platanenstraße. Die Internetseite der Diskothek lockt mit dem Slogan „Willst du in sein, musst du drin sein!“ und zahlreichen äußerst stilvollen Schnappschüssen von rotgesichtigen Besuchern, die gemeinsam aus Eimern trinken, dabei sympathisch in die Kamera blinzeln, sowie jungen Pärchen beim intensiven alkoholgeschwängerten Zungenkuss, was nicht ganz so eklig aussieht, wie es sich hier vielleicht liest. Der Club befindet sich im Keller der Ernst-Abbe-Bücherei, hochgewachsene Menschen seien vor den sehr niedrigen Decken gewarnt. Hier riecht es schon sehr vielversprechend nach Erbrochenem und auch das Schild neben der Bar, das verkündet, „Beck‘s Green Lemon“ sei gerade im Angebot, macht Lust auf mehr. Bedauerlicherweise befinden sich genau zwei Menschen im „Boom“ und die scheinen zu allem Überfluss auch noch dort zu arbeiten. Sie schauen dann auch sehr erstaunt, dass überhaupt Besuch kommt. Offensichtlich scheint es der falsche Tag zu sein. Vielleicht ist hier am 18. Dezember mehr los, dann steigt nämlich die „XXL-Party“, wo es „das Beste gleich eimerweise“ geben wird – das verspricht zumindest der Text der Ankündigung. Da aber zumindest heute die Aussichten auf den Abend eher trist sind, heißt es wieder: Aufbruch.
Die Straßen sind leer auf dem Weg zur letzten Station des Spaziergangs: dem „Biereck”. Nur auf der Schnellstraße brausen Autos durch die Nacht und in den großen Plattenbauten blinken kleine Lichter. Eine Maus huscht im Laternenschein über die Straße. Beim „Biereck” angekommen, macht sich allerdings Enttäuschung breit: Heruntergelassene Jalousien und verschlossene Türen – die legendäre Kneipe, wohin schon Volker Blumentritt nach eigenen Angaben „jeden Sonntag zum Frühschoppen” gegangen ist, hat für heute bereits dicht gemacht.
Vielleicht ist es wirklich einfach der falsche Tag und da auch bei der „Snooker-Bar” die Lichter ausgegangen sind und beim etwas dubios wirkenden „Lobeda Casino” auch nach mehrmaligem Klingeln niemand reagiert, bleibt als letzte Option nur die Rückreise in die Stadtmitte. Es ist ja auch schon nach Mitternacht.

Foto: Katharina Schmidt
ein kleines rotes Autochen…

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