Die Platte und ihre zahlreichen Vorurteile

Von Stefan Montag und Vera Macht

Foto: Katharina Schmidt 1.700 Studenten haben die Platte als Zuhause gewählt.

Das Schönste an Lobeda ist die Straßenbahn in die Stadt. Jeder, der das Geld dazu hat, zieht weg. Übrig bleiben Arbeitslose, Alleinerziehende, Rentner und Migranten. Und ein paar Studenten natürlich, die notgedrungen dort wohnen: aus finanziellen Gründen oder auch der Wohnungssituation wegen. Was will man auch in Lobeda? Riesige Wohnbunker, eng vereint in grauer Tristesse, kulturelles Brachland. Ideale Bedingungen für das, was man heute einen sozialen Brennpunkt nennt: hohe Kriminalitätsrate, Hartz-4-Empfänger, schwer erziehbare Jugendliche.

Das ist zumindest das Bild einer Plattenbausiedlung, wie es Sido dem öffentlichen Bewusstsein lautstark und medienwirksam eingeprägt hat. Von offizieller Seite klingt das jedoch ganz anders.
Das Wort „Problemkind“ hört Oberbürgermeister Albrecht Schröter im Zusammenhang mit Lobeda nämlich gar nicht gerne. Stattdessen spricht er von „einem der besten Plattenbauvierteln Ostdeutschlands, mit hervorragendem Image und äußerst positiver Entwicklung“. Lobeda sei ein „äußerst attraktiver Wohnort“. Aber was steckt nun wirklich hinter den Fassaden aus Beton?
In den beiden Neubauvierteln im Süden der Stadt leben 24.000 Menschen (grob ein Viertel der Einwohner Jenas). Davon sind rund 1.700 Studenten. Vielen Erstsemestern jedoch wird von zukünftigen Kommilitonen ans Herz gelegt, nach Möglichkeit nicht nach Lobeda zu ziehen. Zu weit sei die Entfernung zur Uni, zu hässlich seien die Plattenbauten.
Robert Barczyk, Mitarbeiter im Kulturzentrum „KuBuS“ in Lobeda-West, kann das nicht nachvollziehen: „Die Straßenbahnanbindung ist sehr gut – sogar nachts – und die Wohnungen sind gut ausgebaut.“
Früher galt Lobeda als Nobelviertel. Ein Vergleich mit so mancher Altbauwohnung macht klar, warum. Sein Kollege Dirk Rudolf erklärt sich das schlechte Image mit dem „Stigma, das mit den kalten und starren Betonklötzen verbunden ist.“

Gut und günstig

Unstrittig ist, dass billiger Wohnraum in der Platte besonders für finanzschwache Personengruppen interessant ist. Dazu zählen Erwerbslose, Rentner, aber eben auch Studenten. Diese haben den Stadtteil aber erst seit fünf bis sechs Jahren als Wohnraum angenommen. „Grund dafür ist, dass in den letzten Jahren die Miete in bestimmten Blöcken für Studenten halbiert wurde“, erläutert Doreen Noack von Jenawohnen.
Die Zukunft dieser Blöcke war damals unklar und so konnte man sie kurzzeitig auslasten und „durchmischen“. Angesichts der immer weiter steigenden Studentenzahlen bedarf es heute keiner solchen Maßnahme mehr.
Seit 1997 befindet sich Lobeda im Programm zur Weiterentwicklung großer Neubaugebiete und ist seit 1999 Teil des Förderprogramms „Soziale Stadt“ von Bund und Land. In diesem Rahmen wurden seitdem viele Veränderungen vorgenommen, die heute fester Bestandteil des Stadtbildes sind. „Wenn das Klinikum 2014/2015 fertig gestellt ist, haben wir hier in den letzten Jahren alles in allem rund 2,7 Milliarden Euro reingesteckt“, so der Ortsteilbürgermeister Volker Blumentritt, der seit 1998 im Amt ist. Diese astronomische Summe kommt unter anderem durch den Umbau des Klinikums, die Eintunnelung der A4 und die Sanierung von 80 Prozent der Wohnblöcke zustande.
Nicht erst seitdem ist Lobeda grüner, als es das Klischee einer Plattenbausiedlung vermuten lässt. So hat man auch hier die für Jena obligatorischen Berge samt Lobdeburg und Wanderwegen. Die Saaleaue mit Footballfeld und Saaletreppen unterhalb von Lobeda-West lädt im Sommer zum Grillen ein. „Für mich ist es wichtig, schnell draußen in der Natur sein zu können. Und das ist mir in Lobeda eben eher möglich als mitten in der Stadt“, meint Fabian (23, Pharmaziestudent), der deshalb wie viele andere ganz bewusst seinen Wohnort dort gewählt hat. Auch lässt Lobeda für Sportbegeisterte kaum Wünsche offen. So bietet der Stadtteil eine ganze Reihe von Sporthallen, verschiedene Fußballplätze, die Heimspiele der Jenaer Baskets und der Hanfrieds, einen Skatepark, eine Schwimmhalle, eine Hockeyanlage und vermutlich bald eine Mehrzweckhalle.
Damit hat sich Lobedas Freizeitangebot laut Touristinfo aber schon erschöpft. Wer dorthin geht und nach Kultur- und Freizeitangeboten in Lobeda fragt, wird zunächst in ratlose Gesichter blicken, an die örtlichen Sportvereine und mit etwas Pech an den vermeintlichen Studentenclub „Schmiede“ verwiesen. Kurse der Volkshochschule müssen in Lobeda wegen fehlender Teilnehmer abgesagt werden, während dieselben Angebote in der Stadt überfüllt sind. Es ist eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Desinteresse der Menschen, die Lobeda so kulturfern wirken lässt.

Rein in den Block

„Die Leute hier zu erreichen ist schwieriger als in der Stadt, aber unsere Aufführungen sind immer gut besucht. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich“, so Paul Josiger vom „Theater im Karton“.
Die Theatergruppe entstand aus der Sozial- und Migrationsarbeit der Arbeiterwohlfahrt und stellt sich nun dem „Kampf um Aufmerksamkeit“. Das Stück „Schlafmohnreich“ wurde letztes Jahr in einer Erdgeschosswohnung in Lobeda-Ost inszeniert. „Wir gingen direkt rein in den Block und haben damit Neugier geweckt.“ Josiger hat noch mehr Ideen: Eine Art Ringspiel einiger Theatergruppen halte er für sinnvoll. Vor allem müsse die Arbeit in Lobeda aber nachhaltig sein. Etwas zu etablieren dauere seine Zeit.
Im Moment probt die Theatergruppe im „Zentrum für Kultur, Begegnung und Sport“ (kurz KuBuS) in Sichtweite der Haltestelle Emil-Wölk-Straße. Noch nicht mal ein Jahr alt, ist es bereits jetzt die wichtigste Anlaufstelle, wenn es um Freizeitangebote außerhalb der Jugendarbeit geht. Die Schaffung des KuBuS, das sich an alle Bewohner Lobedas richtet, war überfällig.
Auf der Brachfläche vor dem KuBuS stand bereits früher ein Kulturhaus, das 1998 einem Brand zum Opfer fiel. Etwas Ähnliches soll dort nun wieder entstehen – nach langem Hin und Her.

Leere Teilnehmerlisten

Kulturell wurde in Lobeda also etwas auf den Weg gebracht. „Trotzdem fehlen aber noch Cafés, Bars und Kneipen mit attraktivem Flair“, hält Robert Barczyk dagegen. Diese scheitern aber an fehlender Nachfrage und Eigeninitiative. Eine Wagnergasse sei in der Innenstadt historisch gewachsen und Cafés und Bars könnten sich in Lobeda nur etablieren, wenn die­se auch angenommen werden.
Angesichts der positiven Entwicklungen der letzten Jahre fragt man sich, wie viel Sido überhaupt in Lobeda steckt. Ohne Frage ist Lobeda ein sozialer Brennpunkt. Aufgrund günstiger Mieten wohnen deutlich mehr Arbeitslose, Alleinerziehende und Rentner dort als in den anderen Stadtteilen. Zusammen mit der räumlichen Enge führt dies oft zu Spannungen. Da fliegt auch schon mal der Hund aus dem Fenster – so geschehen am Salvador-Allende-Platz. Der Jugendkriminalität wirkt die Jugendarbeit in Lobeda und Winzerla aber schon lange entgegen.
Als Beispiel sei die Initiative „Midnight Fun“ genannt, die Jugendliche abends von der Straße holt, indem man Sporthallen bis spät in die Nacht öffnet, in denen dann Volleyball oder Fußball gespielt wird. Auch das trägt dazu bei, dass Lobeda wegen der für Großwohngebiete sehr niedrigen Kriminalitätsrate oft als das Vorzeigeplattenbauviertel bezeichnet wird. Es ist auffällig, dass gerade Menschen, die selbst in Lobeda wohnen, oft ein weitaus besseres Bild ihres Stadtteils haben. Eine Mieterbefragung von Jenawohnen bestätigt dies. Rund die Hälfte der Befragten gab zudem an, nette Nachbarn zu haben.
Graffitischriftzüge wie „Ghetto Boyz“ oder „L.W. Boys“ entsprechen allenfalls dem Lebensgefühl junger Bravo-Leser. Steigt man mal in entgegengesetzter Richtung in die Straßenbahn, entdeckt man hohe Häuser, ein paar Bäume – und dass das Schönste an Lobeda vielleicht doch etwas ganz anderes ist als die Schienen ins Zentrum. Sidos „Mein Block“ jedenfalls steht in einer anderen Stadt.