Teil 4: Die Tegut-Anlieferzone

Von Norbert Krause

Der Ort aller Orte. Foto: Matthias Benkenstein

Es ist wohl der am tiefsten zu Herzen gehende Ort in ganz Jena: Ewig kann man hier sitzen und über die Vergänglichkeit des Lebens philosophieren. Es ist der Durchgang hinter der Straßenbahnendhaltestelle auf dem Ernst-Abbe-Platz und zugleich der Anlieferbereich für Tegut.
Dieser Ort symbolisiert den Übergang vom studentischen zum menschlichen Universum. Er ist der viel benutzte Weg von der Arbeitshölle zur Privathölle. Das spürt man, wenn man aus dem studentischen Kosmos langsam in das architektonisch gewollte und so bedeutsame Dunkel eintaucht und dann, nach gemessener Stille, in der Stadt Jena wieder auftaucht – vor dem eindeutigen und keinen Kompromiss duldenden Schild „Zentrum für ambulante Medizin“.
Nahezu alle Verkehrsmittel treffen hier aufeinander: Motorräder auf Fahrräder, Autos auf Taxis und alle auf Straßenbahnen. Alles wird verbunden durch das hektische Umherlaufen des modernen Menschen. Nur eines wird schmerzlich vermisst: das Schiff. Aber wenn man einmal die Augen schließt und die Menschenströme einen umfließen lässt, dann hat man leicht das Gefühl, wenn schon in keinem Öltanker, so doch in einem kleinen Kanu der Individualität zu treiben.

Dutzende Fahrradsattel laden aber auch zum Sitzen, Verweilen und Staunen ein. Früh – lange vor den Studenten – kommen die Jenoptiker und bilden in der Tiefgarage den gesellschaftlichen Unterbau für das studentische Leben auf dem Abbe-Platz. Nachmittags kommen die überlebensnotwendigen Laster. Mit welcher Präzision die Fahrer ihre 40-Tonner in die geradeso passende Einfahrt hinein zirkeln! Manchmal träume ich dann auch davon, ein Kraftfahrer zu sein: früh im Großlager in Frankreich befüllen lassen und dann schnurstracks ohne Pause nach Jena – in die Stadt der Präzisionsarbeit, von Abbe und Zeiss. Wenn das nicht die Krönung eines langen Arbeitstages ist, was dann?
Spätabends wird dann von den Tegut-Mitarbeitern sogar ein Selbstbedienungs-Büffet in Tonnenform bereitgestellt. Tagsüber werfen sie nur das alte Kühleis hinaus. In langen heißen Sommern ist es wie eine poetische Erinnerung an die Vergänglichkeit der Jahreszeiten. Außerdem kühlt es so schön – auch wenn es ein bisschen nach Fisch riecht. Einmal habe ich das Eis genommen und es wie Blumen bei einer Hochzeit über die vorbeilaufenden Passanten gestreut. Die haben vielleicht geschaut. Aber schön war das.
Oft sitze ich hier stundenlang. Im Winter ist es natürlich schwerer, hier die Wechsel des Lebens zu genießen. Manchmal habe ich schon so gefroren, dass ich mich kurz in der Tiefgarage aufwärmen musste. Aber lange habe ich das nicht ausgehalten – so fern vom Ort aller Orte.