Anonyme Studenten versuchten zu rebellieren – bloß gegen was?

Von Louisa Reichstetter

Foto: Marcel Hellwig

Sie zeigte mit dem Finger auf die beige Wand und verschluckte sich fast an ihrem Wiener Würstchen. Sie war pickelfrei, aber noch keine 19. Die beige Wand war, das muss man zugeben,  nicht mehr ganz so beige wie sonst: Jemand hatte in der Nacht zum 3. November gegenüber der Thulb „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ ans Frommansche Haus gesprayt.
„Was soll‘n das heißen?“  „Sous les pavés, la plage“ heißt das, und bedeutete einmal: Träume bündeln, Steine ausreißen und damit auf Polizisten schmeißen. Paris. Mai, 1968: Französische Studenten legen aus Ärger über die konservative Politik an ihrer Hochschule ein ganzes Land lahm.
Jena, November 2008: „Klingt hübsch“, sagt sie und kaut weiter.

„Hübsch“, dachten sich wohl auch ein paar ältere Studenten und wollten die Erstsemester damit „beschenken“, am Abbeplatz Steine auszuhebeln, Blumen einzupflanzen und Sponti-Sprüche an Wände zu klatschen, die dank der Verwaltungsgebühren sofort wieder überstrichen werden.
Das „Guerrilla Gardening“ ist eigentlich eine Methode der Globalisierungskritik. Doch was bringt Rundumkritik – angeblich am Bologna-Prozess und der Entmündigung der Studenten – die anonym bleibt und sich geheim organisiert? Was nützt solch ein „Geschenk“ an Studenten, wenn sie mit der politischen Tragweite optischer Veränderungen gar nichts weiter anfangen können?
Ein Modul zu 1968 kommt nämlich frühestens wieder in zehn Jahren dran. Dann ist 50-jähriges Jubiläum.
Aber in zehn Jahren werden die jetzigen Bachelor-Erstsemester, wenn sie beispielsweise Jubiläumsmodule zu Mauerfall, Blitzkrieg und Ölkrise überstanden haben, schon lange dort sein, wo der Staat sie haben wollte, da hilft keine Primel im Beton mehr: Sie sind dann Master darin, wie man Kredit-Punkte aufnimmt.
Unter dem Pflaster liegt der Strand? Aber nein! Es handelt sich um „feuergetrockneten Industrie-Spezial-Sand“, müsste man nach Bologna als Student korrekterweise sagen.