von Matthias Benkenstein

Von wem soll er nur abschreiben?. FOTO:Matthias Benkenstein

Noch sieht es im Büro von Susan Lynn Dortants nicht so aus, als ob sich hier die zukünftige Studentenelite beraten lässt: Neben zwei schlichten Schreibtischen mit Blick auf das Volkshaus steht ein geräumiges Regal, in dem nichts liegt außer einem Stapel apfelgrüner Informationsbroschüren und einem Stadtplan von Jena. Überall stehen Umzugskartons. Auch die große Amerikakarte muss erst noch an der schmucklosen Raufasertapete aufgehängt werden.
Dortants, die aus den USA stammt, arbeitet im neu gegründeten „Master-Service-Zentrum“, das sich im ersten Stock des Akademischen Studien- und Prüfungsamts befindet. Erst im September bezog sie ihr Büro und berät seitdem Studenten, die sich für ein Master-Studium an der FSU interessieren oder gerade eines beginnen. Zuvor hatte sie schon vier Jahre an der „Erfurt School of Public Policy“ Master-Studenten betreut.  Die 28-Jährige ist außerdem an den Werbekonzepten für die neuen Master-Studiengänge beteiligt.

Erst ein Koreaner

Diese werden auch dringend benötigt, denn obwohl zum derzeitigen Wintersemester über 30 Master-Studiengänge eingeführt, 155 Bewerbungen aus dem Ausland und 136 Bewerbungen aus Deutschland eingereicht wurden, haben noch nicht viele Studenten den Weg in Dortants‘ Büro gefunden. „Bis jetzt ist nur ein Koreaner da gewesen“, sagt die Beraterin. Dieser habe sich für den Studiengang „Christentum in Kultur, Geschichte und Bildung“ interessiert und gefragt, ob seine Studienleistungen aus Korea angerechnet werden können. Ansonsten seien bisher nur einige E-Mail-Anfragen aus Pakistan, Rumänien und Deutschland gekommen.

Die Nachfrage nach den neuen Studiengängen ist noch sehr gering. Für zwölf der 23 Master-Studiengänge, die allein von der Philosophischen Fakultät angeboten werden, war bis vor zwei Wochen noch kein einziger Student eingeschrieben. Für Studiengänge wie „Nordamerikastudien M.A.“, „Kunstgeschichte und Bildwissenschaft M.A.“ oder „Anglistik/Amerikanistik M.A.“ wurden erst ein bis zwei Studenten angenommen. Ausnahmen bilden da nur der IWK-Aufbaustudiengang (19 Erstsemester) und „Deutsch als Fremdsprache M.A.“ mit 34  neu immatrikulierten Studenten. Dieser existiert bereits seit 1998 und wird zu 90 Prozent von Ausländern belegt. Vorläufige Zahlen besagen, dass es an der FSU zum Wintersemester 2008/09 insgesamt 261 Master-Studenten gibt, davon 138 Erstsemester.
„Es ist doch klar, dass die neuen Studiengänge erst tröpfchenweise besetzt sind“, sagt Professor Stefan Matuschek, der an der Entstehung des Master-Studiengangs „Deutsche Klassik im europäischen Kontext“ maßgebend beteiligt war. Es dauere noch anderthalb Jahre, bis es in Jena die ersten eigenen Bachelor-Absolventen gibt. Deshalb kämen die meisten der derzeitigen Master-Studenten auch aus anderen Bundesländern oder dem Ausland. Des Weiteren müssten die Studiengänge erst noch bekannt werden. Auch bei ihm habe sich erst eine Studentin gemeldet, sagt der Literaturprofessor.
Spätestens im übernächsten Winter wird sich also aller Voraussicht nach das Bild gewandelt haben. Dann nämlich, wenn sich hunderte Bachelor-Absolventen für die knapp bemessenen Master-Plätze bewerben. Kapazitätseinschränkungen gäbe es zwar noch keine, sagt Susan Lynn Dortants, doch hält sie 20 Plätze für eine „angenehme Größe“, um die Qualität der Lehre zu gewährleisten und die Dozenten zu entlasten. In einem Studiengang in Seminargruppengröße könne viel besser diskutiert werden, die Atmosphäre sei gleich viel angenehmer.

Zahl der Studienplätze noch nicht fix

Die 20 bis 30 freien Plätze pro Studiengang wurden vom Thüringer Kultusministerium nach curricularen Normwerten berechnet, also nach der Zahl der Studienplätze, die tatsächlich von einem Institut personell und finanziell versorgt werden können. Jedoch seien diese Zahlen noch nicht fix, sagt Stefan Matuschek, die Maximalzahl an Studienplätzen müsse sich erst noch ergeben, sodass eventuell eine Neuberechnung vorzunehmen ist. Es werde sich erst noch zeigen, welche Studiengänge besonders attraktiv sind beziehungsweise in welchen die Kapazitäten vergrößert werden müssen. „Es wird da eine Art Nachfragesteuerung geben“, sagt Matuschek.
Dass ein Student, der sich wirklich für sein Fach interessiert und davon überzeugt ist das Richtige gefunden zu haben, gar keinen Master-Platz bekommt, ist für den Professor nicht vorstellbar. Bei der zweistufigen Studienstruktur gehe es ja darum, einer langen Orientierungslosigkeit im Studium entgegenzuwirken. Das sei der politische, aber auch sein Wille. Ein Master-Bewerber müsse viel reflektierter sein und sich wirklich fragen: „Ist das etwas für mich?“ Früher hingegen seien Fehlentscheidungen bei der Studienwahl oftmals nicht früh genug korrigiert worden. Dieses Problem würde durch die Bologna-Reform verringert, sagt Matuschek, sowohl die Dozenten als auch die Studenten profitierten davon. Beide hätten schließlich das gleiche Ziel, nämlich „möglichst gut zu studieren, deshalb ist man doch schließlich hier“.
Kritik übt der Literaturprofessor jedoch an der derzeitigen Überreglementierung und Verrechtlichung jeder Minute des Studiums. „Das ist wirklich von Übel“, moniert Matuschek. In jedem Seminar, während jeder Hausarbeit: Die Studenten befänden sich in einer ständigen Examenssituation. Hier plädiert der Professor für eine rechtliche Entspannung und „mehr Lässigkeit“.