Samstags früh um fünf beginnt für das Ehepaar Daus der Markttag 

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Von Astrid Richter

Dass Jena eine Studentenstadt ist, spielt sich für ihn nur am Rande ab: Hans Heinrich Daus steht vorm Stadtmuseum Göhre und beobachtet, wie sich im Schein der Laterne drei Gäste des Flower Power voneinander verabschieden. Während sie ins Bett gehen, beginnt der Rentner aus Mellingen mit seiner Arbeit. Jeden Samstagvormittag baut Herr Daus seinen kleinen Verkaufstisch auf dem Jenaer Wochenmarkt auf. Wie immer wird der 69-Jährige acht Stunden hier sein. Jetzt ist es erst fünf Uhr morgens. Der Mond steht schmal über dem Fuchsturm am Himmel. „Heute ist es angenehm draußen“, sagt Herr Daus und während er erzählt, wirbelt Atemluft vor seinem Mund auf. Es sind nur vier Grad. Trotzdem trägt er seine Jacke offen. Auch einen Schal hat er nicht um.

Unter den gekräuselten Blättern der Kastanien am Rande des Marktplatzes gibt es noch vier weitere Tische. Lange, bevor die übrigen 50 Marktstände und Wagen eintreffen, bilden sie hier mit dem von Daus bereits eine Reihe. Grüne Petersiliensträuße sind auf einer der Tischplatten zwischen Pyramiden aus rotbäckigen Äpfeln und tiefgelben Quitten ausgebreitet. Auf dem Pflaster liegen zwei medizinballgroße Kürbisse. Hinter jedem Tisch herrscht geschäftiges Treiben. Eine stämmige Frau mit weißem Haar ächzt kurz, als sie sich nach vorn beugt und Walnüsse in eine Plastikschale purzeln lässt. Keiner der Anwesenden hier ist unter 60. Bei Daus stapeln sich Plastikschalen voll erdiger Kartoffeln auf dem Tisch. Das Kilo kostet 80 Cent. Ein paar Zwiebelzöpfe und Trockengestecke aus lila und rotfarbenen Blumen liegen daneben. „Meine Frau und ich, wir sind nur Laubenpieper“, sagt er. Kleingärtner wie das Ehepaar Daus nennt man in Jena „Hegen“. Der Begriff ist sehr alt, vielleicht so alt wie der Jenaer Markt selbst. Den gibt es bereits seit über 600 Jahren. Hegen dürfen als Kleinsterzeuger auch ohne Gewerbeschein mit all dem handeln, was momentan in ihren Gärten und auf den Feldern wächst. Früher machten sie den Großteil des grünen Marktes aus. Geblieben sind nur fünf Stände.
„Unkraut wächst gerade besonders gut“, meint Christa, die ihren Tisch rechts neben dem von Herrn Daus aufgebaut hat. Seit 35 Jahren verkauft die Frau mit dem hellen Lockenschopf hier regelmäßig Blumen. Außerdem hofft sie heute die zwei Kohlköpfe auf ihrem Tisch loszuwerden. Nicht jedoch an junge Menschen, glaubt sie. „Denken Sie, in Ihrem Alter kauft heute noch einer einen Krautkopf?“ Kochen könnten die jungen Leute doch nur noch Pizza. Manchmal sieht Herr Daus durch seine Brille mit den großen runden Gläsern Betrunkene am Hanfried vorbei nach Hause torkeln. In der Vergangenheit hätten die hier auch schon mal einen Autospiegel kaputt gemacht. Er schüttelt den Kopf. „Es gibt keine Gemütlichkeit mehr.“
Herr Daus erinnert sich daran, wie es zu DDR-Zeiten auf dem Jenaer Markt war, als die Kunden Schlange standen, weil es sonst nichts zu kaufen gab. Damals kam er manchmal noch nach Feierabend. Erst seit ein paar Jahren steht er regelmäßig am Wochenende auf dem Markt. Eigentlich gehöre er gar nicht nach Thüringen. „Ich bin Seemann. Ich mache das hier bloß, weil ich meine Frau liebe.“ Jeden Freitagabend legt sich das Rentnerpaar gegen 22 Uhr zur Ruhe, um am Hauptmarkttag gegen fünf Uhr auf diesem Platz zu erscheinen. Als Hegen zahlen die Eheleute im Winter einen Euro pro Quadratmeter Stellfläche, 50 Cent weniger als im Sommer. Im Gegensatz zu den anderen Marktständen haben sie keinen festen Standplatz. Also kommen sie so früh, damit ihre Stammkunden sie wiederfinden können. Diese sind auch nicht viel jünger als Herr und Frau Daus. Manchmal kaufen ein paar Studenten an ihrem Stand. Selten mehr als zwei Äpfel, obwohl die doch wirklich Bio seien, sagt Herr Daus. Er gibt auch gern ein paar mehr davon mit. „Da ist zwar der Wurm drin, aber wo der drin ist, das schmeckt.“

Die neue Generation

Im Hintergrund werden rumpelnd Kisten mit Erfurter Großmarktäpfeln herangefahren. Der Obststand von gegenüber gehört zur „neuen Generation“, meint Herr Daus. Gegen sechs Uhr bilden die Händler routiniert Gassen zwischen ihren Ständen, warten auf den Strom und die ersten Kunden. Einige sitzen dösend in ihren Autos.
Nein, finanziell lohne es sich nicht wirklich, was sie hier tun. Allein, um seinen Garten zu bewirtschaften und die Waren vorzubereiten, sagt der Rentner, brauche er schon den halben Tag. Jeden Tag. Als Stundenlohn blieben so vielleicht „20 Pfennig“ übrig. Aber zu Hause bleiben könne man auch nicht, „da vergammelt man doch nur.“ Die Alten kämen aus Gewohnheit her und, so Daus, hätten das finanziell sicher nicht nötig. Sommer wie Winter stehen sie hier. Die Älteste unter den Hegen ist 86 Jahre alt. Sie wolle so lang herkommen, bis es zu kalt wird. Kalt – das seien acht, vielleicht neun grad minus, meint sie. Ihren Namen mag sie nicht verraten. Den wüssten ihre Stammkunden schon, brummt sie. In diesem Alter will Herr Daus dann doch nicht mehr auf den Markt fahren. „Wir machen so lang, bis einer von uns nicht mehr kann“, meint er heute.
Gegen Mittag erscheinen die Tische noch fast so voll wie am frühen Morgen. Noch immer liegen Kartoffeln in Plastikschalen neben Trockenblumen auf dem Tisch von Herrn Daus. Etwas bleibt immer übrig. Noch werden die Daus‘ auch nächsten Samstag wiederkommen.