Pro: Bahn frei

Von Jens Thomas

Nichtstudenten fahren in Thüringen am günstigsten mit dem Hopper-Ticket. Es kostet sechs Euro am Automaten und acht am Schalter, gilt für einen Geltungstag, für eine Hin- und Rückfahrt zwischen zwei Bahnhöfen, die nicht mehr als 50 Kilometer auseinander liegen. Das Thüringenticket hingegen soll unbeschränkt für ganz Thüringen sechs Monate gelten und 44,90 Euro kosten. Leider gibt es dieses nur für Studenten. Natürlich sind zehn Euro eine merkliche Preiserhöhung. Wer jedoch acht Hopper-Tickets zusammenzählen kann, wird der Konferenz Thüringer Studentenschaften zu einem ziemlich guten Verhandlungsergebnis gratulieren. Die Urabstimmung darüber sollte eine Formsache sein, stattdessen wird auf hohem Niveau über eine angebliche Zwangsabgabe gejammert.

Man sollte sich hingegen lieber fragen, weshalb die Bahn als marktorientiertes Unternehmen uns Studenten immer noch einen solchen Freifahrschein gewährt. Im Endeffekt ist es nur ein politisches Zugeständnis; eines von vielen, die den Marktwert der Bahn nachhaltig schädigen. Sowohl das Streichen der Servicegebühr durch Kanzlerwort als auch die Verschiebung des Börsengangs sind Schläge ins Gesicht.
Hoffen wir also, dass die Politik sich bald aus dem Geschäft der Bahn zurückzieht und im nächsten Jahr die Signale für die dringend nötige Privatisierung auf Durchfahrt geschalten werden. In der Wartezeit können wir uns derweil am größten Vorteil des neuen Bahntickets erfreuen; es erschließt dem Studenten auch unwirtschaftliche, historische Nebenstrecken wie Hockeroda–Unterlemnitz, bevor die Bahn endlich unternehmerisch handeln kann.

Contra: Die Bahngebühr muss weg

Von Sören Christian Reimer

Solidarität ist im Prinzip eine feine Sache. Die Gemeinschaft schultert die Lasten, die ein Einzelner alleine kaum tragen kann. So funktioniert – mehr oder weniger gut – das gesetzliche Krankenkassensystem. Die Mitglieder zahlen ihren Beitrag, um im Fall der Fälle – sei es ein Unfall oder eine komplexe Operation – die Kosten übernehmen zu lassen, selbst wenn die eingezahlten Beiträge das nicht decken und wahrscheinlich auch nie decken werden. Es geht dabei um eine gesellschaftliche Grundsicherung gegen das alltägliche Lebensrisiko.

Hingegen: Beim Thüringen-Ticket den Solidargedanken zu bemühen ist bar jeder Vernunft und dehnt dessen Bedeutung weit über das Hinnehmbare hinaus.
Es geht nicht um die Absicherung eines Risikos, sondern um die plumpe Subventionierung einer Dienstleistung. Ob Fahrten zum sonntäglichen Goethe-Spaziergang nach Weimar oder zu Vati, Mutti und Hund nach Pößneck – alles wird auf die Gesamtheit der Studenten umgeschlagen, ob sie wollen oder nicht, denn sie müssen ja bezahlen. Es handelt sich um ein unsoziales und unfaires System des Zwanges.

Unsozial, weil keine Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse der zum Zahlen genötigten Studenten genommen wird. Bald knapp 90 Euro pro Jahr mögen für manche nicht die Rolle spielen, andere wiederum können sich sicherlich eine bessere Verwendung vorstellen, als es für die reine Möglichkeit des Bahnfahrens innerhalb Thüringens aus dem Fenster zu schmeißen – vor allem, wenn sie es nicht mal nutzen.
Unfair, weil es neben einer Zwangsabgabe für die Verbesserung der Freizeitmöglichkeiten gerade diejenigen privilegiert, die ohnehin einen strukturellen Vorteil haben, weil sie in der Nähe wohnen. Ihre Fahrkosten wären sowieso geringer als die jener Studenten, die nicht aus Thüringen kommen und denen das Ticket in vielen Fällen nicht viel bringt, wenn sie dann unsubventioniert nach Hause fahren wollen.

Wie dem auch sei – das Zwangssystem des Thüringen-Tickets gehört zerschlagen. Gebt den Studenten die Wahl, ob sie das Ticket in Anspruch nehmen wollen oder nicht. Natürlich besteht die Gefahr, dass die studentische Nachfrage sinkt und damit Verhandlungsmacht verloren geht. Die Bahn könnte das nutzen, um ein weiteres Mal die Preise zu erhöhen. Doch diesen Preis zahlen gezwungenermaßen heute schon jene, die von dem ganzen Ticket nichts haben und haben wollen. Das hat nichts mit Solidarität zu tun, das ist einfach nur ungerecht.

Sören Christian Reimer