Folge 1: Das Café Wagner

Von Lutz Thormann

Bei Parties kann es im Wagner ganz schön eng zu gehen.
FOTO:Lutz Thormann

Der Landgraf bietet nicht nur schöne Aussichtspunkte über Jena. Sogar das ewige Brummen des Saaletalkessels erstirbt dort bei günstigen Winden. Leider bin ich nur selten motiviert genug, den langen Aufstieg in Angriff zu nehmen. Im Spätherbst 2000 war wieder einmal bei halber Wegstrecke Schluss, ein paar Schritte abseits des Steigers landete ich im Café Wagner. Erfreut stellte ich fest, dass es sich auch dort ganz gut sitzen lässt. Es war der Beginn einer langjährigen Verbundenheit, das „Wagner“ wurde – freilich mit wechselnder Intensität – zu meiner zweiten Wohnstube.

Ideologisch haben das Café und der 2001 gegründete Betreiberverein wenig mit dem berühmten Namensgeber der Wagnergasse gemeinsam. Der Laden wird traditionell von linken Studenten geschmissen, deren Interesse an edlem Ambiente und teurem Schnickschnack als unterentwickelt bezeichnet werden darf. Ebenso traditionell schreckt das Besucher gewisser Milieus ab. Ohnehin bleibt ein Großteil aller vergnügungs- und trinkwilligen Wagnergassen-Flaneure spätestens auf Höhe des Café Stilbruch hängen. Der Café Wagner e.V. setzt daher auf echte Fans und Stammgäste, die allen Verlockungen der Jenaer Kneipenmeile widerstehen und diszipliniert bis zu deren Ende weiterlaufen. Ihr Ziel ist ein altes Fachwerkgebäude, das sich, versteckt hinter dicken Mauern und einer steilen Treppe, vor zu viel Öffentlichkeit ziert. Bezeichnenderweise liegt selbst der Eingang des Cafés dezent an der Seitenfront. Die Tür ist reichlich mit Stickern beklebt, ihr Öffnen erfordert einigen Krafteinsatz.
Der Eingangsbereich des Wagner versteht sich als Gegenentwurf zur stylischen Szenelounge. Rechts führen wüst getagte Holztüren zu Toiletten in schlichter Bahnhofsklo-Optik, die linke Seite zieren drei aus ihrem früheren Gesamtzusammenhang gerissene Kinositze. Der Gastraum mit seinen hochgetäfelten Wänden voll alternativer Fotokunst, selbst gestalteten Lampen, gusseisernen Tischen mit schweren Marmorplatten und einer kleinen Bühne samt Klavier stellt eine gewagte, aber gelungene Synthese aus 20er-Jahre-Hinterhoftheater, Försterstube und Künstler-WG dar. Zumindest am frühen Nachmittag ist er angenehm menschenleer.
Die Bar ist dann oft verwaist. Eine Portion Pasta (deren Soße gern mal sehr wässrig ist) bestellt man in solchen Fällen beim zeitungslesenden Typen neben der Flügeltür. Er ist die Bar. Nicht jedes Mal gelingt es, ihn aus dem Sessel hoch zu komplimentieren. Bei persönlicher Bekanntschaft erhält man schon mal ein „Lutz, du weißt doch, wo alles steht!“ als Retourkutsche. Zur gemeinsamen Zigarette auf dem großen Balkon erhebt sich der Angesprochene dann aber doch.
Böse Zungen behaupten, die Bedienungen im Café Wagner seien unfreundlich. Das ist falsch, sie reden nur nicht viel. Wozu auch? In die ausgesessenen Grobmüllsofas fläze ich mich, um in Ruhe auszuspannen oder mit einer Freundin gemütlich Konversation zu führen. Einen Kaffee bestelle ich inzwischen mit einfachem Kopfnicken und Handzeichen. Ein weiterer Aufreger: die Musik. Sie dudelt stets leicht über Hintergrundlautstärke und lässt keine Stilrichtung aus. Je nachdem, wer gerade Bardienst hat, läuft Rockabilly, 77er Punk, Free Jazz oder Noise – in diesem Fall wird das mit „Lärm“, nicht mit „Geräusch“, übersetzt. Trotzdem habe ich das Wagner musikalisch nur selten vollkommen uninspiriert verlassen. Auch mit selbst gebrannten CDs aus dem eigenen Fundus durfte ich nichtsnutzige Gammelnachmittage schon beschallen. Im Wagner kostet das in der Regel nur eine Frage.
Die Preise, und das ist ja immer ganz wichtig, trotzen seit Jahren allen inflationären Aufwärtstrends. Für einen Fair-Trade-Kaffee bezahlt man 80 Cent, für ein kleines Pils 1,70 Euro, für eine Portion Nudeln 2,60 Euro. Ihre eher finanzschwache Stammkundschaft verlieren die Wagnerianer also nicht aus dem Auge. Das Anarchische und Unglamouröse, die Nähe zum Publikum sowie ein generelles Understatement machen den Reiz dieses Ortes aus. Und wo sonst in Jena darf man nach einer Party ermattet auf der Flurcouch niedersinken und in Ruhe seinen Rausch ausschlafen, wenn man es doch nicht mehr nach Hause geschafft hat?