Elena Ferrante und ist eine der großen feministischen Stimmen der Weltliteratur. Nur gesehen hat sie bis heute niemand. Warum sie die bessere Banksy ist und auch Männer sie lesen sollten.
Text von Markus Manz
Foto von INWARD
Es ist der 17. November 2021 in Bologna. Italien macht turbulente Zeiten durch. Hochwassermonat in Venedig, der Ätna ist (mal) wieder aktiv und da war ja auch noch diese Pandemie. Während die Infektionszahlen wieder steigen, hält die Schauspielerin Manuela Mandracchia Vorträge im Teatro Arena del Sole. Drei Abende über literarisches Schreiben, dabei schreibt sie gar nicht. Sie erfindet keine Figuren, sondern stellt sie dar und heute ist ihre Figur Elena Ferrante. Die weltbekannte Autorin soll Mandracchia eigens zu diesem Zweck engagiert haben. Eine kleine Sensation für die bolognesische Literaturszene. Ferrante in Präsenz hatte wohl niemand mehr auf der Bingokarte und am Ende ist der Andrang so groß, dass die Veranstalter:innen entscheiden, die Performance auch live zu übertragen, mit Abrufzahlen aus der ganzen Welt.
Auf die Gefahr hin, wie ein Klappentext zu klingen: Elena Ferrante ist ein Phänomen. Sie hat nicht nur Millionen von Büchern verkauft und den Export von italienischer Literatur im Alleingang angekurbelt. Auch für viele Wissenschaftler:innen ist sie heute die wichtigste Unbekannte der Buchwelt. Sie ist Dauerfavoritin für den Nobelpreis, es werden Monographien über sie geschrieben, aber auch Artikel in der Brigitte, im Missy Magazin, dem Guardian und der New York Times. Und dabei schwingt natürlich immer auch die Frage nach der Person hinter dem Pseudonym mit. Der Umstand, dass Ferrante seit den 1980ern aktiv ist und wir immer noch kaum etwas über sie wissen, sorgt nicht nur für Spekulation; es kommt auch immer wieder zu befremdlich aufwändigen und grenzüberschreitenden Enthüllungsrecherchen. Gemessen an dem zum Teil zweifelhaften Aufsehen, das um den Mensch hinter Elena Ferrante gemacht wird, ist sie dieser Tage nur noch mit Banksy vergleichbar, auch wenn ihre Werke gewiefter und die Gründe, anonym zu bleiben, andere sind.
“Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich zu einer literarischen Identität mehr Vertrauen als zu einer standesamtlichen”
Ferrante selbst gibt an, eine (heute) 83 Jahre alte Frau zu sein, die aus Neapel stammt und mit Vornamen tatsächlich Elena heißt. Neben den Vorzügen einer intakten Privatsphäre hält sie die Abwesenheit einer Künstlerin aus Fleisch und Blut für das beste Mittel, das Publikum dazu zu zwingen, den Blick auf ihr Werk zu richten. Ob diese Strategie am Ende aufgegangen, oder das Phantom der Elena Ferrante nicht auch Brandbeschleuniger eines weltweiten Personenkults geworden ist, lässt sich diskutieren. Unausweichlich bleibt in jedem Fall der Reflex, von Ferrantes Figuren auf das Privatleben der Autorin zu schließen. Insbesondere die Protagonistin der Neapolitanischen Saga – die aus einfachen Verhältnissen stammende Elena Greco – wird gerne als alter Ego der Autorin interpretiert. Die Künstlerin verschwindet also nicht hinter ihrem Werk. Vielmehr machen der Erfolg und autobiografisch anmutende Stil der Romane ein kollektives Nachdenken über Elena Ferrante erst attraktiv. Trotzdem hat sie Recht damit behalten, dass ihr Personenkult ein besonders werkzentrierter ist. Es gibt keine Möglichkeit, die echte Elena Ferrante auf Lesungen oder Messen zu treffen, Fans können ihr Leben nicht in den Medien verfolgen und sie auch nicht auf eine Frisur oder Partnerperson reduzieren. Wer ihr nahe sein will, muss zu den Büchern.
“Sie wollen dir erklären, wie du gerettet werden kannst, aber sobald du klarstellst, dass du dich allein retten willst, bröckelt die kultivierte Fassade”
Elena Ferrantes Figuren sind Geworfene und Gefangene. Meistens Frauen, in patriarchalen Machtapparaten. Die vierbändige neapolitanische Saga, Ferrantes Hauptwerk und international besser unter dem Titel My Brilliant Friend (L’amica geniale) bekannt, kann als ein Durchspielen verschiedenster Befreiungsversuche aus der männlichen Herrschaft gelesen werden. Ferrante zeichnet darin die Freundinnenschaft von Raffaella Cerullo (Lila) und Elena Greco (Lenù) über fünfzig Jahre nach. Die beiden wachsen in den 1950ern, in einem von Armut und Gewalt geprägten neapolitanischen Viertel auf – dem Rione. Hier kämpfen die überdurchschnittlich begabten Freundinnen seit jüngster Kindheit für kleinste Freiheitsgewinne. Später wird eine den sozialen Aufstieg schaffen, die andere im Rione bleiben. Im Laufe der Geschichte begegnen wir immer mehr Frauen, die auf ihre Art nach weiblicher Autonomie streben. Über politischen Aktivismus, freie Liebe, nette Männer, gute Partien, Mutter- und Komplizinnenschaft. Am Ende werden sie alle dafür bestraft, manche auch mit dem Tod. Die Autorin macht klar: Dem Patriarchat ist weder über Bildung und politischen Idealismus, noch mit finanziellen Mitteln zu entkommen, weil das Patriarchat nicht das Problem einer bestimmten Klasse ist. Das Patriarchat ist überall, wo es Männer gibt. In Interviews hat sich Ferrante oft gegen die Verharmlosung proletarischer Männerherrschaft ausgesprochen, gleichzeitig nehmen ihre Figuren auch das eigene links-akademische Milieu in die Kritik: Der Mann, der Frauen ihre Unterdrückung erklärt und lieber zum Plenum geht als seine Kinder ins Bett zu bringen. Die feministisch hochgebildete Akademikerin, die sich zufrieden zeigt, wenn es bei Lippenbekenntnissen befreundeter Männer bleibt. In linken Kreisen ist der Kampf gegen das Patriarchat längst eine attraktive Selbsterzählung für heterosexuelle Männer (like me) geworden, sobald er etwas kosten könnte, bleibt der Transfer dieser Ideale in eine konkrete Praxis aber gerne aus.
“Schönes Schreiben wird schön, wenn es sein Ebenmaß eingebüßt und die verzweifelte Kraft des Hässlichen hat”
Wie sie Gefangene sind, sind Ferrantes Frauen Menschen mit Widersprüchen. Antiheldinnen. Dauerzweifelnde, die zum Wesentlichen wollen, aber unter Vorurteilen und Etiketten begraben liegen. Menschen, die auch egoistisch handeln dürfen, lügen und betrügen, neidisch und nicht immer gute Freundinnen oder Mütter sind. Über diese schonungslose Ehrlichkeit verhandelt Ferrante viele klassische literarische Tropes neu. Der Verrat am Küchentisch, die verbotene Liebe auf dem Nachbarbalkon, die Heldenreise drei Straßen weiter. Das Zusammendenken des Alltäglichen, Unschönen, Lokalen mit dem Erhabenen und Tragischen, die Absenkung der Fallhöhe ist nichts Neues, aber wahrscheinlich ein Grund dafür, dass Ferrante, ähnlich wie zum Beispiel Bertolt Brecht Leser:innen in vielen unterschiedlichen sozialen Gruppen findet (allerdings fast nur von FLINTA*-Personen). Anders als Brecht will Elena Ferrante diese Entzauberung aber als Teil ihres weiblichen Schreibens verstanden wissen. In ihren Augen bleibt der modernen Schriftstellerin nämlich gar nichts anderes übrig, als die etablierten Formen und Motive der Männer zu bewohnen, sie also weiblich zu besetzen, um darin Randale zu machen, sie zu verändern und im richtigen Moment auch wieder einzureißen. Nur so könne man schließlich zu einer historisch gewachsenen, vielseitigen weiblichen Literatur kommen, die dem männlichen Schreiben etwas entgegenzusetzen habe. Männer können das unterstützen, indem sie bewusster Bücher von Frauen (zu ergänzen wäre: TINA*s) lesen, darüber nachdenken und sprechen. Nicht als Symbol irgendeiner feministischen Männlichkeit, sondern um sie künstlerisch ernst zu nehmen. Auf diesem Weg lässt sich zu der Überwindung eines Verständnisses von Literatur beitragen, in dem weibliches Schreiben über weibliche Figuren noch allzu oft als Sonderfall – als Frauenliteratur verstanden wird. Nicht als ein Allgemeines, nicht einfach als: Literatur. Obwohl ein Großteil der Neuerscheinungen längst von Frauen geschrieben und gelesen wird. Elena Ferrantes Bücher sind großartige Gelegenheiten, über Patriarchat und Klasse nachzudenken. Aber auch über Herkunft, italienische Sommer und Freundschaft. Oder um einfach mal wieder eine wirklich spannende Geschichte zu lesen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 460, Juli 2026.

