Wie die Universität in Bevormundung verfällt.
Kommentar von Oleksandra Samokhina
Illustration von Iulian Thomas
Die Uni steht unter dem Motto „Light. Life. Liberty.” – Poetisch! Licht und Leben seien einmal so dahingestellt, doch wie steht es um die Freiheit? Als Institution des Wissenserwerbs, der Möglichkeiten und der Chancen hat die Uni eine klare Aufgabe und ein ehrwürdiges Ziel: Pflege und Entwicklung der Wissenschaften sowie Vermittlung von wissenschaftlichen Qualifikationen. Hat man es erst mal an die Uni geschafft, stehen zahlreiche Möglichkeiten der persönlichen Weiterbildung und schließlich Selbstbestimmtheit zur Verfügung. Diese sind besonders wertvoll, wenn sie eine gewisse Unabhängigkeit – von der Familie, den sozialen Umständen, auferlegten Erwartungen – mit sich ziehen. Doch schnell gerät man auch an die Hürden: Nur zwei – im Ausnahmefall drei – Prüfungsversuche, die endgültige Exmatrikulation beim Nichtbestehen, sechs Semester Regelstudienzeit, konsequenzfreier Studiengangwechsel nur in den ersten beiden Semestern sowie finanzielle Besorgnisse und haufenweise Anträge. Im besten Fall stört das alles neben dem Studium, im schlimmsten kann man sein Studienfach landesweit nicht mehr studieren. Damit werden klare Rahmen geschaffen, die die neu gewonnene Freiheit einschränken.
Konsequenz
Während vieler studentischer Kämpfe um mehr Barrierefreiheit für psychisches und physisches Wohlergehen verlangen viele Vertreter:innen der Uni immer noch Disziplin und klare Regeln. Im Newsletter für Lehre an der Uni Jena äußerte sich die Vizepräsidentin für Studium und Lehre, Karina Weichold, bezüglich der neuen Prüfungsordnung: „Um diese neuen Freiräume in der Waage zu halten, braucht es aber auch einen gemeinsamen Orientierungspunkt – und den bildet die Prüfungsfrist“. Anhand dieser Aussage wird deutlich, dass Freiheit als etwas gesehen wird, das eingezäunt werden muss; es muss einen Ausgleich geben. Aber warum? Und inwiefern kann man noch von Freiheit sprechen, wenn diese eingeschränkt wird?
Im Bildungsraum bleiben klare Marker bestehen, die dich beurteilen und eingliedern – sei es ein Bestanden oder Nicht Bestanden, eine 2,0 oder eine 4,0. Diese Kategorien sind ein Richtwert für das geäußerte Wissen im Rahmen eines Prüfungsnachweises und berücksichtigen in ihrer Funktion keine äußeren Umstände. In Verbindung mit klaren Eingrenzungen werden diese Kategorien jedoch zu einem persönlichen Urteil. Personen mit Prüfungsangst schämen sich für die mehreren Anläufe und sind durch fehlende Unterstützung oft zum Abbrechen gezwungen. Späte Studiengangswechsler:innen büßen für ihre Entscheidung mit massivem Druck und am Ende mit einem Burnout. Diejenigen, deren Lernprozesse nicht zu den konzipierten Prüfsystemen passen, müssen mit der ständigen Frage leben, ob man überhaupt gut genug sei. Den Studierenden werden nicht nur Erwartungen auferlegt, sondern es werden auch Normen geschaffen, die in „normal“, das heißt „gesund“, und „alles außerhalb“ unterteilen. Sobald universitäre Metren mit sozialen Wertungen verbunden werden, dringt die Universität in eine Erziehungssphäre ein, in der sie die Machtposition einnimmt. Ist das noch Freiheit?
Süße Versprechungen
Die Studierenden sollen lernen, dass es Verpflichtungen gibt, deren Vernachlässigung mit Konsequenzen einhergeht. Die Uni nimmt die Studierenden also väterlich an die Hand und definiert ihnen ihren Handlungsspielraum und ihre Grenzen: „So kannst du dich verhalten und so nicht“. Dabei sind eine endgültig nicht bestandene Prüfung oder überschrittene Maximalstudienzeit nicht nur ein sanfter Klaps auf den Po, sondern ein hartes Ultimatum. Daraufhin schaut Daddy Uni nur belehrend auf dich runter und flüstert: „Wir wollen doch nur das Beste für euch, da muss man auch manchmal ein bisschen hart sein“. Studierende sollen sich anstrengen und da sie das von sich aus nicht können, muss man eben ein bisschen motivierenden Druck erzeugen. Wenn man etwas nicht schafft, soll man einfach beweisen und erklären und versprechen und dann wird man schon sanftmütig an die Hand genommen, um nach einer Lösung zu suchen. Ist die bedingte Freiheit also ein Indiz dafür, dass Daddy Uni uns zum Aushalten der Unterwürfigkeit groomt, während wir darauf hoffen, irgendwann an die süßen Versprechungen zu kommen?
Dieser Text erschien in der Ausgabe 460, Juli 2026.

