Lennart Fiedler, ein Jenaer Studi, gewann die deutsche Kniffelmeisterschaft in Berlin. Wir haben ihn zu einer Runde herausgefordert.
Text von Iulian Thomas
Foto von Dario Holz
„Erzähl mal, wie bist du zum Kniffel gekommen?“, fragen wir Lennart direkt zu Beginn unserer Begegnung. Er nimmt den Kniffelbecher auf, murmelt in sich hinein, er spiele „lieber ohne Becher“ – für ein besseres Handgefühl – und rollt die Würfel über den Tisch. „Ich glaube, es war vor zwei, drei Jahren, als eine Freundin und ich viel unterwegs waren und wir uns die Zeit mit Kniffel überbrückt haben.“ Maumau sei zu langweilig, um es für Zeitüberbrückung zu spielen, fügte er kurz darauf hinzu. Nach seinem Wurf entscheidet er sich für nur Sechser zählen und holt die ersten 18 Punkte der Runde. Wir sind an der Reihe, nehmen den Becher auf, schütteln ihn einmal gut durch und stellen parallel die nächste Frage. „Eure Gruppe, die Kniffligen Knödel, hat die Plätze 1, 7, 17 und 87 belegt, alles gute Plätze in dem Turnier. Wie viel Können ist dabei?”
Unsere Würfelkombination sieht mau aus, nichts Halbes, nichts Ganzes. „Ich weiß nicht. Ich habe in den letzten Wochen mehr drüber nachgedacht und ich glaube, grundlegend ist es fast nur Glück.“ Kurz darauf fügt er hinzu, dass man es nicht üben, jedoch ein Gefühl dafür entwickeln kann, was die richtige Kombination sein könnte – ein Gefühl für die Wahrscheinlichkeit. Während Lennart erzählt, starren wir weiter planlos auf unseren unverändert miesen Wurf. Wir fragen ihn, was seine Lieblingszahl sei, auf einer Skala von eins bis sechs. Er schaut uns überrascht an und antwortet, dass es die Drei ist, da sie genau richtig viele Möglichkeiten offen lässt, um alles mit ihr anzustellen: Große und kleine Straße und natürlich bleiben die Optionen für einen Pasch, Kniffel, Chance oder Full-House weiterhin offen – also immer in aussichtslosen Lagen Dreien behalten. Wir hören auf seinen Rat, lassen die zwei Dreien liegen und setzen erneut zum Wurf an. Tatsächlich, auch wenn es hier mehr Glück als strategisches Auswahlverfahren war, werfen wir den Dreier-Kniffel, womit wir auf einen Schlag 50 Punkte und die Führung gewinnen.
„Was macht der neu gewonnene Ruhm mit dir?“, fragen wir ihn, während Lennart zu würfeln beginnt. „Ich glaube am Ende gar nicht so viel mit mir persönlich. Es ist mehr, dass ich ganz spannend finde zu merken, was es bedeutet, wenn man irgendwas erreicht hat. Ich habe jetzt was Lustiges erreicht, aber wenn man das auf beispielsweise ESC-Gewinner:innen überträgt, dann wollen auf einmal alle mit einem reden“, nur weil man irgendetwas erreicht hat. Er legt den Becher ab, überlegt kurz und setzt zum zweiten Wurf an. „Es wurde in den Nachrichten oft betont, dass der Kniffelmeister aus Jena kommt. Meinst du, dass du dem FC Carl Zeiss Jena die Lokalpatrioten abgewinnst? Deine eigene Fanbase aufbaust?“ Lennart lächelt kurz und antwortet schnell: „Grundsätzlich bin ich für alles offen, aber denke ich nicht. Ich glaube, das wird übermorgen schon wieder vergessen sein. Keine Ahnung, was da jetzt noch passiert, ob irgendwer drauf aufspringt und diesen Kniffelzug mitnimmt. Was ich großartig finden würde, wenn das Spiel jetzt noch ein bisschen mehr in den Mainstream kommen würde!“ – „Machst du Kniffel wieder groß?“ – „Nicht absichtlich, aber wenn, würd’ ich es supporten!“
Die Hand Gottes
Der Kniffelbecher wird ein paar Mal herumgegeben, bis wir zur nächsten Frage kommen: “In einem Interview hast du gesagt, ein Pastor habe dich in Berlin gesegnet. Meinst du, er hat zu deinem Sieg beigetragen?“. Mit strahlenden Augen schaut uns Lennart an und beginnt die Geschichte zu erzählen, wie er in einem Berliner U-Bahnhof gesegnet wurde: „God bless you“ soll der Pastor gesagt haben, bevor er so plötzlich verschwand, wie er auftauchte. „Ja, der war wirklich die ganze Zeit in meinem Hinterkopf. Wenn ich einen wichtigen Wurf vor mir hatte, dann habe ich an diesen Typ gedacht und teilweise hat es funktioniert.”
Alle Kacheln auf unseren Zetteln sind ausgefüllt. Wir zählen alle Punkte zusammen und da steht es: Das Akrützel hat den deutschen Meister mit 298 zu 221 Punkten geschlagen. Kann der Titel eigentlich noch weitergegeben werden?
Dieser Text erschien in der Ausgabe 460, Juli 2026.

