“Aus gutem Grund bieten die meisten Medien Nazis keine Plattform für ihre Meinungen. Diesem Grundsatz ist auch die unique verpflichtet”, heißt es in der studentischen Hochschulzeitung aus dem Jahr 2009. Danach folgt ein Interview mit einem Nazi.
Text von Dario Holz
Die unique ist die Thüringer Hochschulzeitung für alle, die im Bücherregal neben dem Duden-Fremdwörterbuch auch einen Sammelband philosophischer Theorien stehen haben und das akrützel zu prollig finden. Vor fünfzehn Jahren kam der damalige Chefredakteur Fabian Goldmann auf die überzeugende Idee, einen Jenaer Neonazi zu interviewen und dessen Meinung zwei Seiten zu widmen. Darin erklärte der Neonazi ungestört sein Weltbild, redete von Überfremdung und machte Werbung für die NPD. In der Zwischenzeit suchte die unique den Zettel mit den kritischen Fragen, der während des Gesprächs nicht mehr gefunden wurde.
Die Ausgabe ging in den Druck und die eigentlich recht unbekannte Zeitung wurde zum talk of the town. Eine Welle an Empörung zog durchs Land: Der Stura kürzte die Mittel, die Linke forderte “personelle Konsequenzen”, ihre Wählerschaft ebenso. Diese formulierten es sogar drastischer: “Tod dem Chefredakteur im Phosphor-Feuer der israelischen Armee”.
15 Jahre später feiert die unique ihre 100. Ausgabe und blickt auf den Skandal zurück. In vielen sehr lesenswerten Texten ordnen sie das Geschehen ein und sprechen mit dem damaligen Chefredakteur Goldmann. Dieser ist noch immer im Journalismus tätig, schreibt für diverse Zeitungen und betreibt einen Blog über Islamophobie. Klingt gar nicht nach jemandem, der Nazis eine Plattform geben möchte.
Im Interview mit der unique erklärt Goldmann, dass er dieses Interview heute so nicht mehr führen würde – auch wenn es richtig sei, sich auszuprobieren.
Vom Hinterzimmer in die TikTok-Trends
In den vielen Jahren seit der Veröffentlichung hat sich viel verändert. Natürlich wäre auch heute der Gegenwind groß, sollte so ein Text ohne Einordnung veröffentlicht werden. Während damals rechtes Gedankengut vor allem in Hinterzimmern ausgetauscht wurde und so nur einer sehr kleinen, ausgewählten Öffentlichkeit zur Verfügung stand, haben sich durch das Internet neue Verbreitungsformen ergeben, die potenziell alle Menschen erreichen können. Wer 2009 einen Nazi interviewt, verbreitet dessen Weltbild an eine Leserschaft, die sonst nicht in Kontakt mit dessen Gedankengut gekommen wäre. Um damals zu wissen, wie Nazis denken, musste man sich entweder wirklich für das Thema interessieren oder regelmäßig im “Braunen Haus” (einem ehem. Szenetreff in Lobeda) aufkreuzen.
Heute ist rechtes Gedankengut für alle Internet-Nutzenden allgegenwärtig. Es reicht ein Blick in die Kommentarspalte der Tagesschau, um weiße Männer vor Deutschland-Flaggen (im Extremfall auch die des Kaiserreichs) zu sehen, die Meinungen kundtun, bei denen jeder Verfassungsschützer den Block zücken sollte. Auch auf Google werden Newsportale der rechten Szene gleich unter den großen Medienhäusern angezeigt – ein falscher Klick und Julian Reichelt beschwört die Übervölkerung herauf. Von TikTok ganz zu schweigen.
Eine neue Normalität
Auch im Alltag sind rechtsextreme Äußerungen salonfähiger geworden. Ihnen wird mehr Platz gegeben, der Aufschrei wird kleiner. In der Politik hätte (und hatte) es Friedrich Merz vor 15 Jahren deutlich schwerer gehabt als jetzt, wenn er gegen Migranten wetterte. Mittlerweile sind AfDler zu gern gesehenen Talkshow-Gästen geworden. Nazis haben es von der Straße ins Parlament geschafft.
Hätte Fabian Goldmann heute in der unique einen Nazi interviewt, wäre das immer noch falsch. Aber der Kontext wäre ein anderer: es wäre ein Artikel unter Tausenden. Ein Text, in dem über Ausländer hergezogen wird, umgeben von tausenden Videos, die dasselbe tun. Es würde untergehen in einer Gesellschaft, die sich immer weiter nach Rechts öffnet.
