Fehlende ärztliche Aufklärung führte zu meinem Leidensweg mit der Hormonspirale.
Text von Oleksandra Samokhina
Illustration von Antonia Braun
Wenn man eine menstruierende Person ist, ist die Stigmatisierung von Menstruation eigentlich nichts Fremdes. Sich als solche in einer patriarchalen Gesellschaft zu bewegen, bedeutet, sich trotz starker bis unaushaltbarer Schmerzen in öffentliche Räume, zur Schule, Arbeit oder Uni zu begeben. Bloß nicht zu viel Raum mit diesem Tabuthema einzunehmen und von Gynäkolog:innen Wasser und Eisensupplemente für Regelschmerzen verschrieben zu bekommen. So hat es bei mir ein Jahrzehnt gedauert, bis ich überhaupt auf die Idee kam, dass vier Schmerztabletten am ersten Menstruationstag kein Normalzustand sein sollten.
Schließlich ließ ich mich untersuchen und die Diagnose stand fest: Starker Verdacht auf Endometriose – eine chronische Erkrankung, die unter anderem mit überdurchschnittlichen Schmerzen im Becken-, Bauch- und Rückenbereich einhergeht. Als Hoffnung auf Schmerzlinderung und zur gleichzeitigen Verhütung riet mir meine Gynäkologin zum Einsetzen der Hormonspirale. Obwohl ich Bedenken bezüglich der Hormonfreigabe in meinem Körper hatte, versicherte sie mir, dass die geringe Dosis nichts ausmachen würde.
Von den Schmerzen in die Panik
Nach dem unangenehmen Moment des Einsetzens war ich bereit, die ersten Monate der Eingewöhnung auszuhalten und dann die Auswirkungen zu beobachten. Ich merkte direkt ein schweres, betäubtes Körpergefühl und hatte tägliche Schmerzen, wie ich sie von der Endometriose kannte. Da diese nach drei Monaten ausklingen sollten, hielt ich sie aus. Nach einigen Wochen waren sie erträglicher und obwohl es seltsam war, mit einem Fremdkörper zu leben, so richtig präsent spürte ich ihn nicht. Was ich allerdings spürte, war das komische Gefühl, dass irgendwas in meinem Leben gerade nicht stimmte, mich unruhig machte und über die Tage immer unaushaltbarer wurde. Bald hatte ich mehr Probleme beim Einschlafen, Sport zu machen wurde schwerer und die Außenwelt überforderte mich. Alles fühlte sich so überreizend, bedrohlich an. Ich fing an, mich paranoid zu fühlen und Mensen zu vermeiden, aus Angst vor potentiellen Konversationen. Es drängten sich seltsame Gedanken zu Tod und Geburt auf, die ich noch nie zuvor hatte und die mich heftig mitnahmen. Das alles kulminierte in einer langen, schlaflosen Nacht, die sich wie eine unendliche Panikattacke anfühlte. Ein Adrenalinschub nach dem anderen durchzog meinen Körper und es war klar, dass irgendwas schief lief. Nur zufällig kam ich drauf, die Korrelation zwischen Panikattacken und Hormonspiralen zu googlen. Ich stieß auf ein Warnprospekt zu gefährlichen Auswirkungen des hohen Cortisolspiegels, über den ich trotz ärztlicher Aufklärungspflicht nicht informiert worden war, sowie Foren, in denen Frauen sich über ihre Erfahrungen mit diesem Verhütungsmittel austauschen. Schockiert las ich einen Beitrag nach dem anderen und fand meinen Zustand in vielen Berichten wieder. Ich las, wie Frauen als Folge der langzeitigen Hormoneinwirkung zum ersten Mal Panikattacken erlitten, paranoid wurden und Suizidgedanken hatten. Viele konnten das psychische Leid erst einordnen, nachdem die Hormonspirale entfernt wurde.
Zurück zu den Schmerzen
Nach dieser Nacht war für mich klar, dass die Spirale für mich keine Option mehr war. Dass das Entfernen der Hormonspirale bei meiner Gynäkologin ein krasser Kampf sein würde, hätte ich jedoch nicht erwartet. Am Telefon wurde ich abgewürgt und beim persönlichen Termin hatte die Gynäkologin weder Interesse an meiner langen Liste an unangenehmen bis unaushaltbaren Nebenwirkungen, noch Empathie für mein Unwohlsein. Beim unvorsichtigen Rausnehmen – also im verletzlichsten Moment für mich – wurde genervt darauf hingewiesen, dass ich ja jetzt wieder regelmäßig mit Schmerzmitteln leben müsse. Verabschiedet wurde ich mit den Worten: „Da Sie schon bei geringer Dosis panisch werden, können Sie nur noch zu Heilpraktikerinnen mit der Endometriose.“ Mir wurden zwei Dinge klar: Lieber ein Leben lang mit Endometriosesymptomen leben, als einen Tag länger mit der Hormonspirale. Und: Die Macht über meinen Körper liegt schnell in den Händen der Einrichtungen, auf deren Behutsamkeit ich am meisten angewiesen bin.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 459, Juni 2026.

