Im links-akademischen Milieu scheint es eine empfundene Nähe zum klassischen Arbeiter:innentum zu geben. Gleichzeitig ist die Forderung groß, dass jede:r sich politisch engagieren sollte. Ist das widersprüchlich?
Text von Vivien Brenk
Illustration von Mathias Weber
Einige Studis haben das Linkssein so sehr zum Teil ihrer Identität gemacht, dass man es jedem Aspekt ihres Lebensstils anmerken soll. Es scheint weniger um aufrichtiges Interesse an den Inhalten von politischem Aktivismus zu gehen, als um die Anerkennung, die einem der Satz „Also ich bin beim SDS organisiert” in bestimmten Kreisen einbringt. Durch einige Aspekte, die den Lebensstil linker Studis kennzeichnen, wird das Proletariat romantisiert. Mit Proletariat meine ich hier Menschen, die nicht aus Akademiker:innenfamilien stammen, keine Hochschulbildung haben, kein Eigentum besitzen, das sie nicht nutzen, und mindestens acht Stunden täglich arbeiten müssen, um zu überleben. Die meisten Studis sind das Gegenteil davon. In dieser Szene geht man eher Cornern und Backpacken im Balkan als Drinks in einer Rooftopbar auf Sylt zu schlürfen. Auch wenn die Kontostände der Eltern in beiden Szenarien gleich sind. Plattenbau und Blaumann sind schön. Man könnte das als ästhetische Manifestierung eines sehr berechtigten politischen Ziels lesen: den Abbau sozialer Ungleichheiten. Im Vergleich zur politischen Mitte liegt hier zumindest ein Fokus auf sozialer Ungleichheit.
„Solidarisierung mit dem Proletariat” ist wichtig. Aber solange sie ästhetisch bleibt, verfehlt sie ihren Zweck: Erstens verändert sich nichts an den zugrunde liegenden Privilegien. Wenn zu wenig thematisiert wird, welche sozialen Hintergründe bestimmte Lebensläufe wahrscheinlicher machen, hilft das dabei, kapitalistische Aufstiegsmythen aufrecht zu erhalten. Zweitens verzerrt es das politische Ziel auf einer symbolischen Ebene. Alle sollten so leben können wie wir Studis und nicht anders herum. Drittens stellt die Imitation nicht einmal Nähe her. Der Habitus der Arbeiter:innenschaft bleibt verhasst: als Abendbeschäftigung stundenlang Trash-TV schauen, Fleisch essen, von „Männern” und „Frauen” als Binarität sprechen, Witze übers Gendern machen, nicht ins Plenum gehen. Solche Verstöße rufen ein unterdrücktes Lächeln über die Unwissenheit des Gegenübers hervor. Die Lebensrealitäten sind so weit voneinander entfernt, dass man beim Aufeinandertreffen von Studis und Arbeiter:innen oft nur gegenseitige Abneigung beobachten kann. Es entstehen keine kommunikativen Strategien, Differenzen zu thematisieren. Die Voraussetzung dafür ist, die eigene Position im sozialen Gefüge, soweit es geht, zu reflektieren. Falls es durch diesen Text noch nicht klar geworden ist: Ich habe einen akademischen Grad und soziologische Bildung. Um Politik für Menschen machen zu können, die nicht dem eigenen Milieu entstammen, muss man ihnen zuhören.
Weltschmerz – lokal oder global?
Auch das linke Credo „Alles ist politisch” und die damit einhergehende moralische Forderung, alle sollten sich für Politik interessieren, ist in ihrer gängigen Auslegung klassistisch. Meine Familie (und die der meisten anderen Arbeiter:innenkinder) kriegt nicht viel davon mit, was im Sudan passiert. Aber sie sammeln engagiert Spenden für die ukrainische Familie nebenan. Macht es sie zu schlechten Menschen, sich eher dafür zu interessieren, was Teil ihrer konkreten Lebensrealität ist? Tiefgehend politisch informiert sein zu können, ist ein Privileg. Für diejenigen, die die Sprache der Zeitungen verstehen und Zeit haben, sie zu lesen. Es erfordert Ressourcen in vielerlei Hinsicht, aber vor allem ist es nicht habitualisiert. Warum sind Politgruppen unter Azubis kein Ding? Der Akademiker:innenanteil im aktuellen Bundestag liegt bei 81 Prozent; in der Gesamtbevölkerung bei 18 Prozent. Massenstreiks aus der Arbeiter:innenschaft im letzten Jahrhundert ging häufig voraus, dass die individuelle Lebensrealität bedroht war, kein hochkomplexes Kapitalismus-Verständnis. Die Forderung, politisch zu sein, bewegt sich innerhalb der Grenzen des aktuellen politischen Systems. Sollte unser Zusammenleben wirklich dadurch bestimmt werden, dass linke, rechte oder mittige Eliten sich darum reißen, die Affekte des Pöbels im passenden Moment für ihre Vision von Gesellschaft zu instrumentalisieren? Der Anspruch, dass sich alle dafür interessieren sollten, wie wir zusammenleben, ist absolut berechtigt. Aber es gibt viele Arten, das zu tun, die nicht innerhalb institutionell gefestigter Bahnen (ja, das ist auch die Politgruppe) ablaufen. Werte, die Linkssein ausmachen, können auch bei Menschen auftreten, die sich nicht explizit als links verstehen. Es ist wichtig, dass wir lernen, das als gleichwertig anzuerkennen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 459, Juli 2026.

