Schon wieder Handelskrieg mit den USA. Schon wieder mahnen alle an, endlich die Abhängigkeit von den Amerikanern zu überwinden. Schon wieder passiert nichts. Dabei wäre es so einfach. Wenn Zölle auf den Import von Motorrädern und Whiskey nichts bringen, dann muss man eben härtere Geschütze auffahren: Importstopp für amerikanische Kulturtechniken – angefangen bei EC-Kartenlesegeräten, die nach Trinkgeld fragen.
Dieser Ungehobeltheit treten wir mit guten alten Jenaer Manieren entgegen. Für Friedrich Schiller ist das Trinkgeldgeben eine Geste, in der Freiheit zum Vorschein kommt. Es steht außerhalb der gebieterischen Vernunft des Dienstleistungsverhältnisses, dessen Ertrag verbucht, besteuert, kalkuliert wird. Das macht das Trinkgeldgeben zu einer schönen Umgangsform. Fragt mich das EC-Kartenlesegerät aber, ob ich denn fünf, zehn oder fünfzehn Prozent Trinkgeld geben möchte, verliert es seinen ästhetischen Wert, denn die explizite Aufforderung verstößt gegen das erste Gesetz des guten Tons: Schone fremde Freiheit. So wird aus schönem ästhetischem Schein harter sittlicher Zwang. Man mag einwenden, dass viele Angestellte das Trinkgeld gut gebrauchen können. Das aber wäre wieder zu amerikanisch gedacht. Mit Schiller ausgedrückt, verzeiht der gute Ton auch dem glänzendsten Verdienst die Härte nicht. Auf Deutsch: Ami go home – und nimm deine vorlauten EC-Kartenlesegeräte mit.
von Sascha Blochius
erschienen in der Ausgabe 455
