Stell dir vor, es ist Krieg und alle gehen hin. Für die Eröffnung der Kulturarena hat Regisseurin Azeret Koua den Kassandra-Mythos neu interpretiert. Eine Gratwanderung zwischen Sisterhood und wehrhafter Weiblichkeit.
Text von Vivien Brenk und Markus Manz
Foto von Christoph Worsch
Es ist ein idyllischer Sommerabend auf dem Theatervorplatz. Eine Taube fliegt leise über die Bühne hinweg, Kulturdezernent Johannes Schleußner wiegt das Publikum mit seiner Eröffnungsrede souverän in den Halbschlaf. Einige Minuten später ist die Bühne Schauplatz einer gar nicht mal so angenehmen Geburtsszene. Die trojanische Königin Hekabe bringt Kassandra zur Welt, während ungefähr eine Million Statist:innen durchs Bild kantappern. Zeitgleich skandieren die Schauspielerinnen Rebecca Thoß und Thato Kämmerer noch munter etliche körperliche Strapazen der Schwangerschaft. That escalated quickly. Die Prämisse des Kassandra-Mythos ist schnell erzählt. Die namensgebende Prinzessin weist den griechischen Gott Apollon zurück. Zur Strafe verflucht er sie dazu, die Zukunft und damit auch die Zerstörung ihrer Heimatstadt Troja zu sehen. Gleichzeitig wird ihr nie wieder jemand glauben. Die Ausgangssituation einer Frau, die sich im entscheidenden Moment keine Geltung verschaffen kann, was im Tod und in der Versklavung aller mündet, wurde schon oft feministisch interpretiert. Das Stück Kassandra: coming of age at the end of the world legt seinen Fokus dabei auf die Beziehungen der trojanischen Frauen. Die lähmenden Konflikte zwischen Müttern und Töchtern, Schwägerinnen und der vermeintlichen Unheilbringerin Helena. Im Mythos wird diese vom trojanischen Prinzen Paris aus dem griechischen Sparta entführt. Daraufhin kommt es zu einer zehn Jahre währenden Belagerung Trojas. Im Stück geben die Frauen Helena lange eine Mitschuld am Krieg. Am Ende steht aber die Solidarität untereinander als einzige Chance, männlicher Herrschaft zu entkommen.
Azeret Koua inszeniert die Geschichte als selbstbewusstes und extrovertiertes Stück, mit vielen Monologen und wenig Raum für leise Töne. Wer sich in den überfrachteten Bühnenbildern nicht durchschreien kann, geht gnadenlos unter. So wirkt es oft.
Aufwachsen in einer frauenfeindlichen Welt
In der ersten Hälfte des Stücks folgen wir Kassandra beim Aufwachsen. Dabei wird sie immer stärker von patriarchalen Erwartungen eingekesselt. Diffuses Unverständnis darüber, sich immer kleiner machen zu müssen, als sie ist, verwandelt sich ausdrucksvoll in die Erkenntnis ihrer Zwangslage. Für Kassandra erscheint es als einziger Ausweg, Priesterin im Tempel Apollons zu werden: „Ich weiß nicht, was mich dort erwartet. Ich weiß nicht, wer ich dort sein werde. Aber ich weiß, wer ich hier sein müsste. Und das will ich nicht.” Dabei ist ein humorvoller Umgang mit stereotypen Geschlechterrollen gelungen. Schwierige Themen werden leichter, aber mit der nötigen Ernsthaftigkeit angegangen. In diesem Kontext war es ebenfalls eine gelungene Entscheidung, das Stück ausschließlich mit FLINTA*-Personen zu besetzen. Auch Szenen, die übergriffiges Verhalten thematisieren, haben sich auf diese Weise nicht angefühlt, als würde mehr patriarchale Gewalt reproduziert als nötig.
Am Ende des Stücks liegt Troja in Trümmern und alle Männer sind weg. Nur die Frauen – Kassandra, Helena, Hekabe und Andromache – leisten den griechischen Truppen noch Widerstand. Ganz im Stil der Männer, weist Hekabe das Angebot, Helena für den Frieden „zurückzugeben”, ein letztes Mal zurück. Der Krieg wird zu einer weiblichen Sache. Die Frauen kämpfen zum ersten Mal selbst. Es ist kein Mann mehr da, der sie daran hindern könnte. Sie sind frei, aber eben auch bald tot.
Dieser Text erschien im Akrützel 461

