Es ist Juni und Jena ist jetzt Gräser-Pollen-Hochburg. Ich bin dazu übergegangen, mit FFP2-Maske und Sonnenbrille Fahrrad zu fahren. So vermeide ich unangenehme Nies-Salven im Hörsaal. In der Stadt kassiere ich für diese verzweifelte Maßnahme verwirrte und bisweilen feindselige Blicke. Dabei bin ich weder Schwurblerin noch Hypochonderin – doch die Natur ist jetzt mein Feind. Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Mein Gefühl, dass mein Heuschnupfen jedes Jahr schlimmer wird, hat eine wissenschaftliche Grundlage. Durch die Klimakrise sind immer mehr Menschen von einer Pollenallergie betroffen und reagieren zunehmend stärker. Die gestiegene CO₂-Konzentration führt dazu, dass Pflanzen schneller wachsen und mehr Pollen produzieren. Dazu kommt, dass sich durch die höhere Durchschnittstemperatur die Heuschnupfensaison verlängert. Einige Pflanzen blühen jetzt früher und länger. Das veränderte Klima bewirkt, dass sich mittlerweile auch Arten in Deutschland ausbreiten können, die es hier früher nicht gab – wie das Ambrosia-Kraut.
Außerdem treten durch die Klimakrise sogenannte Mastjahre häufiger auf. Mastjahre sind eine natürliche Überlebensstrategie von Baumarten, die nur unregelmäßig Früchte tragen. Sie müssen in regelmäßigen Abständen besonders viele Samen produzieren, um ihren Fortbestand zu sichern. Der Hitzestress in heißen und trockenen Sommern führt dazu, dass Bäume immer öfter in diesen Überlebensmodus schalten und dabei enorm viele Pollen produzieren. Ein letztes Aufbäumen vor der Katastrophe, sozusagen.
In den Frühlingen der Zukunft werde ich wohl zur Ganzkörperverhüllung übergehen müssen.
von Lucy Tusche
erschienen in der Ausgabe 459
