Die Sammelklage: Reminders of Him; Donnerstagsknozert; Enhanced Games

Bisher galt das Akrützel als freundlich und moderat. Jetzt ist aber Schluss mit der falschen Versöhnlichkeit! Ab heute wird scharf geschossen – gegen alles, was nervt.

von Ida Müermann (Reminders of Him); Nathaniel Stegmann (Donnerstagskonzert); Dario Holz (Enhanced Games)
Illustration von Mathias Weber

Reminders of Him

Der Film Reminders of him nach dem gleichnamigen Buch von Colleen Hoover setzt nicht auf szenische Komplexität, sondern auf maximale emotionale Wirkung.
Die Hauptfigur Kenna wird auf ihre Rolle als Mutter reduziert und nicht als eigenständige Person ernst genommen. Die Handlung kreist permanent um die Frage, ob sie sich ihre Mutterrolle innerhalb einer traditionellen Familienordnung „zurückverdient“ hat. Ihre psychische Gesundheit und Rehabilitation werden kaum erwähnt, stattdessen wird sie sozial ausgeschlossen und durch andere Figuren abgewertet. Entscheidungen über ihr Leben treffen meist andere, während sie kontrolliert oder moralisch geprüft wird. Die Geschichte reproduziert ein veraltetes Mutterbild, in dem weibliche Selbstbestimmung hinter familiärer Anpassung zurückstehen muss. Das amerikanische Kleinstadtleben wird in einer nostalgischen Ästhetik romantisiert, während Armut und soziale Zwänge zu keinem Zeitpunkt kritisiert werden. Fehlende gesellschaftliche Strukturen für die Resozialisierung von Gefängnisinsass:innen werden nicht hinterfragt. Stattdessen werden eigenständige „Wiedergutmachung” und Reue idealisiert.
In Reminders of Him zeigt sich ein grundsätzliches Muster von Colleen Hoovers Erzählungen: Gesellschaftliche Probleme wie Traumata, Gewalt, Schuld oder familiäre Machtverhältnisse dienen als Kulisse für romantische Erlösungsgeschichten, ohne hinterfragt zu werden. 

Donnerstagskonzert

Dieser stechende Schmerz des Applauses ist wohl alles, was noch bleibt. Dafür komme ich und gehe auch wieder. Das Musical war spektakulär. Während in irgendeiner der hintersten Reihen auf diesem harten Boden Alban Berg Töne über den Tod für immer verliert, tötet die erste Violine den Solisten mit seinen Blicken. Dieses geschmacklose Hemd und die noch geschmacklosere Zugabe rechtfertigen zwar jedes Gräuel gegen diesen sichtbar abgehobenen Menschenhasser, aber die Aufführung ist dennoch dahin. Sich im Werk zu vertiefen, mit aller Beharrlichkeit und aller Ignoranz für die Unmöglichkeit davon heute, wird durch diese Aufführung nochmal unmöglicher. Die Oma jubelt bei Ankündigung des zusammenhangslosen Stücks Bachs nach dem Berg-Violinkonzert und dann sticht wieder der Applaus. Ich möchte nie wieder in einem Konzertsaal sitzen. 
Einmal hielt ich das Berg-Konzert für großartig, für Musik, wie sie im Angesicht von Radio, Spotify und Gefühlen noch möglich ist. Mir ist klar und mir wird klarer, mit jedem Schlag und jedem Takt: Musik muss sich wehren, mit Maschinenpistole und Atombombe und doch ganz ohne sie. Sie muss wieder nerven und danach ganz eilig abhauen. Wenn Bieber nicht mehr sein darf, muss auch Schönberg aufhören.   

Enhanced Games

Spätestens seit den Dopingskandalen der 90er Jahre im Radsport wird ganz penibel darauf geachtet, dass jede noch so belanglose sportliche Leistung ohne Zuhilfenahme illegaler Substanzen erbracht wurde. Dieser Kontrollwahn geht soweit, dass Spitzensportler:innen täglich ihren Aufenthaltsort einer Doping-Agentur melden müssen, damit man sie jederzeit unangekündigt prüfen kann. Wer an diesem Ort aber dreimal nicht auffindbar ist, muss teils mit drastischen Konsequenzen rechnen.
Warum sind wir in einer so liberalen Zeit noch so restriktiv im Sport? Das muss sich ändern, dachten sich ein paar unsympathische US-Millionäre  (darunter Peter Thiel und Donald Trump Junior) und pumpten Unmengen an Geld in den neuen Stern am Sporthimmel: die Enhanced Games. Schluss mit dem Kontrollwahn, jeder darf selbst über seinen Körper bestimmen, alles ist erlaubt! Außerdem lockten die Veranstalter mit hohen Preisgeldern, für einen neuen Weltrekord gibt es eine Million Dollar.
Dem Traum von Reichtum und einem durch Chemie-Cocktails aufgeblähten Körper folgend, traten 42 Sportler:innen bei den Enhanced Games in Las Vegas (Wo auch sonst?) an. Doch entgegen aller Erwartungen wurde nicht Weltrekord nach Weltrekord gebrochen: Lediglich im 50 Meter Freistil wurde die aktuelle Bestzeit um 0,07 Sekunden unterboten. 
Enttäuschend, wie schlecht die Doping-Industrie doch aufgestellt ist…

Dieser Text erschien in der Ausgabe 459, Juni 2026.


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