Was ziehe ich heute an? Was kaufe ich ein? Was mache ich eigentlich? Wer bin ich überhaupt? So viele Fragen. Die Welt ist komplex geworden und überall lauern Entscheidungen, die getroffen werden wollen. Immer und immer und immer wieder. Eine kleine Gruppe gut situierter Studis mit sehr viel Zeit für Selbstverwirklichung hört nicht auf, das Meer der Alltagskomplexität zu umarmen. Für den Rest ist es längst zur rauen See geworden. Sinnbild des ungeheuren mentalen Kraftaufwands hinter einem normal aussehenden Leben. Für seine Freizeit wünscht sich das überforderte Subjekt deshalb nur eins: dass sie unkompliziert ist. Es will einfach nur essen, schlafen, seinen Stuff machen und dabei in Ruhe gelassen werden.
Der Soziologe Niklas Luhmann spricht von Komplexitätszumutungen und meint damit nicht erbetene Informationen, die Grundlage einer weiteren Entscheidung werden, mit der man sich rumschlagen muss. Und damit komme ich zur Ampel. Diesem Meisterstück moderner Komplexitätsreduktion. Rot bedeutet stehn, Grün gehn. Bisher hat sich niemand darüber beschwert. Trotzdem gibt es jetzt zwei Auswüchse im Leutragraben, die uns via Countdown die Zeit bis zum Grün-Switch anzeigen. Während früher gerade die Unwissenheit zum entspannten Verweilen bei Rot motivierte – immerhin hätte jeden Moment Grün werden können – zerschlägt das neue System jede Hoffnung auf baldiges Weiterkommen. Mit der ganzen Grausamkeit der Quantifikation, macht es die Wartezeit erst zur verlorenen Zeit, indem es sie ganz genau abbildet. Das erzeugt Handlungsdruck, aber so richtig was machen kann man ja auch nicht in 60 Sekunden. Manch eine:r nennt diesen LED-gewordenen Angriff auf den Seelenfrieden einen Fortschritt. Ich nenne sie eine dreiste Komplexitätszumutung.
von Markus Manz
erschienen in der Ausgabe 457
