Mit der Oscar-Verleihung und aktuellen Hype-Wellen im Internet haben einige Filmdarstellungen für reichlich Diskussionen gesorgt. Besonders der Film „One Battle After Another“ und die Serien „Heated Rivalry“ und „Bridgerton“ haben viel Aufmerksamkeit erregt. Warum werden sie gehyped und was sagt das über unsere Filmlandschaft aus?
Text und Illustration von Oleksanda Samokhina
In letzter Zeit haben einige Filme und Serien besonders hohe Wellen im Internet geschlagen. Der Film One Battle After Another wird für seine Darstellung schwarzer Personen kritisiert, die Serie Heated Rivalry wird für die Schwulenromanze gefeiert, Bridgertons neue Staffel wird als Höhepunkt der Serie deklariert. Die Allure dieser drei Filme bzw. Serien wird im gesellschaftlichen Kontext genauer betrachtet.
Another white man’s wet dream
Bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles hat der Politthriller One Battle After Another von Paul Thomas Anderson ganze sechs Oscars gewonnen, wurde von der Kritik gefeiert und nahm weltweit über 200 Millionen Dollar ein.P. T. Anderson greift in OBAA die Themen Revolutionsstrukturen und Radikalisierung auf und verarbeitet sie in einem Schauspiel aus karikaturhaften Gruppierungen. Die Figuren Bob und Perfidia gehören der linksradikalen Gruppierung „French 75“ an, der Antagonist Lockjaw strebt den rechtsradikalen „Christmas Adventure Club“ an und schwarze Feministinnen finden sich als „Sisters of the Brave Beaver“ zusammen.
Die Figur Perfidia wird von einer schwarzen Schauspielerin gespielt. Was uns als selbstbewusste sexy Kämpferin angepriesen wird, ist hier keine nuancierte schwarze Person, sondern eine Projektion der beiden männlichen Hauptfiguren – ihrem Liebhaber und ihrem Vergewaltiger. Ihr Charm wird in ihrer Impulsivität und sexuellen Offenheit gesehen. Auch die Darstellung der anderen schwarzen Personen bleibt stereotypisch. Diese Stereotypisierung wird auf der Pressetour und in Kritiken nicht als Problem betrachtet, sondern geradezu gefeiert. Die Idee: Mit seinem Duell zweier weißer Männer strebt P. T. Anderson eine Satire der aktuellen politischen Debatte an. Obwohl die Komik der unbeholfenen weißen Hauptcharaktere die Genialität des Films ausmachen soll, verläuft die Übertreibung in verharmlosende Vereinfachungen. Die Überstereotypisierung lässt eine Abgrenzung des Publikums von den dargestellten Links- und Rechtvertreter:innen zu und begrenzt Rassismus und Homophobie auf alte weiße Militärsmänner, Kampfbereitschaft auf schwarze Frauen und Sympathie auf unbeholfene weiße Männer, die im linken Widerstandskampf mitziehen. Und genau damit macht sich der Film zugänglich für ein breites Publikum. Die Linken bekommen ihre Revolution und ihr Happy End, die Rechten werden durch die komikhafte Distanz zum Bösewicht nicht zur Selbstkritik angeregt, die selbstdeklarierten politisch Neutralen bekommen einen Actionfilm, in dem sie eine klare Sympathieposition beziehen können. Brauchen wir als Publikum einen klar erkennbaren Feind, eine klar erkennbare Seite? Sind wir immer noch damit überfordert, uns kritisch mit der Überrepräsentation der weißen privilegierten Perspektive auseinanderzusetzen und schwarze Personen in den Vordergrund zu rücken? Dies zumindest lässt sich von der Juryentscheidung bei der Oscar-Verleihung ableiten, durch die der hochgelobte Film Blood & Sinners mit seiner Representation schwarzer Perspektiven in den Schatten gestellt wurde.
Der Film endet damit, dass Willa sich zu einer Demo aufmacht und auf die Bitte ihres Vaters, vorsichtig zu sein, lachend antwortet: „niemals“. Der Fokus wird vom Systemkampf auf die Familienebene verschoben und endet in einem domestizierten, ungefährlichen Kleinaktivismus. Womit die angeschnittenen Themen in ihrer Relevanz und Dringlichkeit entkräftet werden.
Schwule Romanzen – Safe Space unserer Generation?
Die romantische, kanadische Sportserie Heated Rivalry, die zwei Eishockeyspieler verfolgt, katapultierte sich noch in der Erscheinungswoche an die Spitze der Zuschauercharts. Bemerkenswert ist dabei, dass der Großteil des begeisterten Publikums aus heterosexuellen Frauen besteht, die sich selbst als “obsessed” mit dieser Serie beschreiben. Was ist es, dass gerade diese Gruppe so begeistert? In homosexuellen Beziehungen liegt eine grundsätzliche Gleichstellung durch den anatomisch gleich gebauten Körper vor, auch wenn sich Kraft und Bau unterscheiden. Gesellschaftlich konstruierte Rollen von Dominanz und Unterwürfigkeit werden nicht selbstverständlich oder widerwillig angenommen, sondern werden, wenn, dann auf andere Weise festgelegt. In einer Zeit der sich stapelnden Epstein-Dokumente ist die Vulnerabilität und Wut der Vergehen an weiblichen Personen so präsent und schmerzhaft wie nie. Hetero-Beziehungen sind mit einer Angst vor körperlicher oder emotionaler Misshandlung der Frau vorbelastet. Die Befürchtung einer Intimitätsgewalt an Frauen wird gänzlich rausgenommen in einer Serie über schwule Eishockeyspieler. Stattdessen können ihre Körper als gefahrlos betrachtet werden und Geschichte und dargestellte Welt werden zu einem Safe Space, vor Allem für Hetero-Frauen. Gleichzeitig werden zwei Männer in den Vordergrund gerückt, die mit ihrer sexuellen Ausrichtung klarkommen müssen und sich unmittelbar mit sich auseinandersetzen müssen. Bei den letzten beiden Folgen, in denen sie sich verletzlich, zärtlich und emotional reif zeigen und dadurch eine nuancierte konsensuelle Beziehung darstellen, handelt es sich um die meist wiederholten Folgen. Daran erkennt man, dass nicht nur eine starke Sehnsucht nach Gleichstellung besteht, sondern auch nach einem reflektierten und vulnerablen Umgang mit Emotionen bei Männern.
Female Gaze, Genderstereotype oder Eskapismus?
Am 25. Dezember 2020 erschien die US-amerikanische Fernsehserie Bridgerton auf Netflix, die einer Kreuzung aus Jane-Austen-Büchern und Gossip Girl ähnelte. Mehr als 5 Jahre später dauert der Erfolg der Serie nicht nur an, sondern zieht eine große Fankultur nach sich.
In Bridgerton werden die Matchmakings der Familie Bridgerton dargestellt. Der Fokus liegt größtenteils auf den Beziehungen der Frauen zu sich selbst, ihren Freundschaften, Ungewissheiten und sozialen Zwängen. Das Besondere der Regie ist der große Fokus auf weibliche Lust und Befriedigung. Die männlichen Partner sind aufgeklärt über weibliches Begehren, stellen die Wünsche ihrer Partnerin in den Vordergrund und fragen immer nach Konsens. Damit möchten die Regiseur:innen einen Gegenpol zu männlich dominierter Lust in der Filmindustrie bilden. In der Welt von Bridgerton werden die Frauen im jungen Alter verheiratet und ihre Partnerwahl bestimmt ihren sozialen Status. Die Frauen starten dabei unaufgeklärt in die Ehe, die Männer haben hingegen ausführlich sexuelle Erfahrungen machen können. Was als kritische Dynamik gesehen werden kann, kann aber auch als weibliche Befreiung aufgegriffen werden, die sich nur auf diese Weise in der patriarchalen Systemstruktur vollziehen konnte. Die Obsession mit der weiblichen Reinheit hat zu der Verinnerlichung geführt, dass Frauen ihr Begehren verbergen müssen und das neue Literaturgenre eröffnet, das weibliches Begehren mit männlicher Dominanz verknüpfte. Dadurch konnten die sexuellen Wünsche ausgelebt werden, ohne eigene Verantwortung für diese zu übernehmen. Diese Flucht in eine passivere Rolle spiegelt sich in der heutigen Erschöpfung der Frauen wider, die gemerkt haben, dass sie jetzt nicht nur alles sein dürfen, sondern auch alles machen müssen – Job, Familie, Care-Arbeit, gesellschaftliche Verantwortung und politisches Engagement. Die neuen Trends der Tradwifes und des Cottagecore-Lifestyles sind ein leiser – oder lauter – Schrei der Überforderung und Sehnsucht nach einem System, das einen unterstützt und auffängt, sei es das Versprechen des arbeitsentlastenden Partners oder ein reicher und ungefährlicher Bridgerton-Mann.
Das Besondere an One Battle After Another, Heated Rivalry und Bridgerton ist das Versprechen nach einer Übersichtlichkeit des Weltgeschehens, Sicherheit und Unterstützung. Ein Wunsch nach einer Gesellschaft und Welt, die aufatmen lassen und gerade keine Wirklichkeit sind.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026

