Muse, Ehefrau, Universitätsmamselle, nur nicht Autorin: Die unterdrückte Lebensgeschichte von Caroline Schelling.
Text von Ida Müermann
Foto von David Boué
Wer spricht und wer wird gehört? In Zeiten, in denen in Debatten über Sexismus, Gendergerechtigkeit, Care-Arbeit und Sichtbarkeit darum gerungen wird, wessen Stimmen zählen, lohnt sich ein Blick zurück. Nicht aus nostalgischem Interesse, sondern weil sich in der Geschichte Muster zeigen, die bis heute fortwirken. Weibliche Stimmen wurden in der Literatur über Jahrhunderte systematisch verdrängt. Die Universitätsstadt Jena, ein Ort, der sich gern als progressiv versteht, ist Teil der Auseinandersetzung.
Das Romantikerhaus schmückt sich mit der Büste einer Frau, die zu ihren Lebzeiten systematisch aus der Lese- und Schreibkultur verdrängt wurde. Es handelt sich um eine Autorin mit vielen Namen und einer beeindruckenden Lebensgeschichte: Caroline Böhmer-Schlegel-Schelling, geborene Michaelis. Bis zum 15.06.2026 wird in ihrem Namen ein Essay-Preis in Höhe von 5.000 Euro durch das Romantikerhaus Jena ausgeschrieben. Auf der Seite des Wettbewerbs wird sie „als kommunikatives Zentralgestirn der Jenaer Frühromantiker und als eine der ersten emanzipierten Frauen der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte“ beschrieben. In der Literatur wird sie jedoch hauptsächlich über Männer definiert: als Tochter eines Professors, Ehefrau von August Wilhelm Schlegel, später von Friedrich Schelling und sogar als Muse der Frühromantik. Ihr eigenes Schreiben und Leben steht dabei im Schatten der männlichen Namen. Obwohl sie gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann unter anderem an den Shakespeare-Übersetzungen arbeitete, bleibt sie in der Geschichtsschreibung meist ungenannt oder wird als seine „Helferin“ dargestellt.
Es existieren wenige Texte, die allein Caroline zugeschrieben werden. Neben ihren Briefen, die Einblicke in den Literaturbetrieb ihrer Zeit gewähren, verfasste sie Rezensionen zu belletristischen Werken, die in Zeitschriften wie der Allgemeinen Literatur-Zeitung und dem Athenaeum erschienen. Überliefert ist neben kleineren literarischen Arbeiten nur der fragmentarische Entwurf eines Romans, der die seelische Entwicklung einer ihr ähnlichen Frau schildern sollte. 1801 bearbeitete sie das französische Singspiel Philippe et Georgette frei ins Deutsche und übersetzte später einige Sonette Petrarcas, veröffentlicht wurde davon jedoch kaum etwas.
Stigmatisierung statt Würdigung
Hier in Jena war Caroline Teil eines zentralen Netzwerks der Frühromantik. In der Literatur fällt dazu ein Begriff, der einen bitteren Geschmack aufkommen lässt. Die Bezeichnung „Universitätsmamselle“ verweist auf Carolines Präsenz in akademischen Kreisen und markiert gleichzeitig ihre Ausgrenzung aus formalen Institutionen. Ihre Rolle als Gastgeberin, Diskussionspartnerin, Autorin, Übersetzerin und Ideengeberin war wesentlich für die Entwicklung der romantischen Epoche. Dennoch existiert diese abwertende Bezeichnung.
Ihr Leben zeigt auf mehreren Ebenen die begrenzten Handlungsspielräume von Frauen im 18. Jahrhundert. Ihre Ehen hatten größtenteils ökonomische und soziale Funktionen. Carolines Erfahrungen zeigen die ausgeübte Kontrolle über Frauen durch die Einschränkung weiblicher Sexualität. Ihre teilweise unverheirateten Beziehungen, eigenständige Entscheidungen bei der Partnerwahl und eine uneheliche Schwangerschaft führten zu massiver Stigmatisierung. Während vergleichbares Verhalten bei Männern gesellschaftlich toleriert war, wurde Caroline diffamiert und sozial ausgegrenzt. Die gegen sie gerichteten Schmähschriften zeigen, wie weibliche Reputation als Machtinstrument genutzt wurde.
Caroline Böhmer-Schlegel-Schelling war eine eigenständige, politisch denkende und literarisch produktive Frau, deren Beitrag zur Frühromantik lange unsichtbar gemacht wurde. Ihre Lebensgeschichte macht viele strukturelle Ungleichheiten sichtbar: Den Ausschluss von Frauen aus Bildung, Politik und Autorschaft sowie die soziale Kontrolle über ihr Verhalten. Offen bleibt die Frage: Machen wir es heute, dreihundert Jahre später, wirklich besser?
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 457, Mai 2026

