Das lassen wir weg!

Medien bestimmen, was wir wissen – und was nicht. Wie dadurch ein verzerrtes Bild der Realität entstehen kann, zeigt das Beispiel Jenaer Nachrichten.

Text von Dario Holz

Wer sich in Jena über das Stadtgeschehen informieren möchte, hat wenig Auswahl. Neben der kostenpflichtigen OTZ und dem MDR, der seinen Fokus mehr auf Thüringen als Jena legt, ist die Seite Jenaer Nachrichten für viele ein gern genutztes Angebot. Fast 25.000 Follower auf Instagram und 80.000 Lesende auf der Website (eigene Angabe) erfahren so alles, was in der Stadt passiert. Auch hier bestimmt die Redaktion der “verlässlichen Informationsquelle für die Menschen aus Jena”, welche Themen relevant sind. Der Blick auf das, was nicht berichtet wird, lässt aber an der Seriosität des Angebots zweifeln.

Kein Thema für Jenaer Nachrichten

So beispielsweise der Wahlkampfauftritt von Außenministerin Annalena Baerbock am 16. Januar im Volksbad, bei dem sich ca. 250 Menschen versammelten. Der Besuch einer Bundesministerin und zugleich langjährigen Vorsitzenden der drittstärksten Partei im Bundestag könnte in der Ereigniswüste Jena durchaus eine Meldung wert sein. Darin waren sich die Redaktionen vom MDR, OTZ und Jena TV eindeutig einig – nur Jenaer Nachrichten würdigten den Auftritt keiner Erwähnung. Nur wenige Tage später besuchte Christian Lindner die Stadt: Zwar ist seine Partei bedeutend kleiner als die Grünen und er ist auch kein Minister mehr, aber für einen fast schon euphorischen Artikel bei Jenaer Nachrichten reicht es trotzdem. 

Ein anderes Thema, für das in den Unweiten des Online-Journalismus der Jenaer Nachrichten kein Platz zu sein scheint, ist der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Oberbürgermeister Nitzsche und der Stadtrat hatten zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen, später zog eine Demonstration in Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz durch die Innenstadt. Auch hier ein ähnliches Bild: alle berichten. Außer Jenaer Nachrichten.

Selbst bei dem Fall, der über die Grenzen Thüringens hinaus für Aufsehen sorgte, schweigt Jenaer Nachrichten: die Großspende des (jetzt ehemaligen) Aufsichtsrats der Böttcher-AG an die AfD in Höhe von fast einer Millionen Euro. Nachdem der Spiegel den Spender Horst Winter  enthüllte, verbreitete sich das Thema wie ein Lauffeuer in der Stadt. Neben den Lokalmedien OTZ und MDR berichteten auch die Zeit oder FAZ über die Böttcher-AG. Oberbürgermeister Nitzsche gab ein Statement zum Fall ab, eine Demonstration wurde organisiert. Wenn es in diesen Wochen ein Thema gab, was diese Stadt wirklich bewegt hat, dann war es diese Spende. Bei Jenaer Nachrichten findet man aber keinen einzigen Text dazu. Das änderte sich erst, als in der Nähe des Wohnhauses von Udo Böttcher eine antifaschistische Morddrohung auftauchte. 

Zufall oder Kalkül? 

Ob die Redaktion gezielt versucht, bestimmte Themen kleinzuhalten? Oder war zum Zeitpunkt von jedem der Fälle die gesamte Belegschaft zufälligerweise krank und konnte deshalb nichts schreiben? Das wissen wir nicht. Auf die Anfrage des Akrützels wurde keine Stellungnahme abgegeben. 

Über Themen nicht zu berichten, ist auch das gute Recht jeder Redaktion. Journalisten müssen selektieren, allein schon, um der Leserschaft gerecht zu werden. Zeitungen stellen nur Fragmente der Realität dar, sie schaffen Medienwirklichkeiten, die durch das Weltbild ihrer Redakteure eingefärbt sind. Das ist beim Akrützel nicht anders. Jenaer Nachrichten präsentiert sich aber als News-Portal für alles, was in Jena passiert – diesen Anspruch erfüllen sie nicht. In Jenas spärlicher Presselandschaft hat die Redaktion der Jenaer Nachrichten einen großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung des Stadtgeschehens. Wenn hier offenbar systematisch Themen unterschlagen werden, ist das auch eine Bedrohung unserer Demokratie.

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