Teures Tabu

Menstruation – ein Thema, das noch immer stark mit Tabus und Scham belegt ist, obwohl es die Hälfte der Weltbevölkerung durchmacht und ein Zeichen für Fruchtbarkeit und Gesundheit ist.

von Annika Nagel

Wenige würden die Bereitstellung von Menstruationshygieneartikeln als Schritt für mehr Gleichberechtigung sehen. Doch genau das ist er, wie die Juso-Hochschulgruppe erkannt hat. So brachten sie einen Antrag im FSU-Stura ein, nach dem auf Frauen- und All-Gender-Toiletten der FSU Tampons und Binden bereitgestellt werden sollen. Der Antrag wurde ohne lange Diskussion angenommen und es wurde ihm sogar noch hinzugefügt, dass es das Angebot auf allen Toiletten geben soll.
„Wir hatten uns schon länger vorgenommen, etwas gegen die Geschlechterungerechtigkeit an der Uni zu tun“, erklärt Klara Morfeld von der Juso-Hochschulgruppe Jena. Ein Schritt in die richtige Richtung seien das Gleichstellungsreferat, die All-Gender-Toiletten und die breite Auseinandersetzung mit Gender Studies. Das reiche aber noch nicht.
Nach Aussage der Juso-Hochschulgruppe gibt es kein staatliches Werkzeug, das Frauen von den hohen Ausgaben für Menstruationshygieneprodukte entlastet, keinen höheren Hartz-4-Satz oder mehr Bafög.
Im letzten Jahr gab es bereits eine Debatte über Menstruationshygiene-Artikel. Nach einer Petition, die von mehr als 300.000 Personen unterzeichnet wurde, wurde die Mehrwertsteuer ab Beginn des Jahres 2020 von 19 auf 7 Prozent gesenkt. 19 Prozent entsprach der Steuer auf
Luxusartikel.
Für Menschen mit geringem Einkommen und in Entwicklungsländern sind sie immer noch Luxusartikel. Sie müssen Entscheidungen treffen, ob sie ihr weniges Geld für Hygieneartikel ausgeben oder lieber für Essen, Kleidung oder Miete, was wiederum bedeutet, das viele Mädchen mehrere Tage im Monat der Schule fern bleiben und ihre schon zu geringen Bildungschancen noch kleiner werden.
Viele Produkte sind nach der Senkung jedoch teurer geworden, sodass der Erlass nicht bei den Konsumentinnen ankommt, sondern von den Herstellern unter dem Vorwand besserer Qualität abgeschöpft wird. „Da versucht man schon mal ein staatliches Werkzeug zu benutzen und dann scheitert es wieder am Kapitalismus“, kritisiert Klara. Das ist ein großes Problem, wenn jede menstruierende Person in ihrem Leben zwischen 10.000 und 17.000 Tampons bzw. Binden verbraucht.
Menstruationsartikel, die mehrfach verwendbar sind, wie Menstruationstassen oder Menstruationsunterwäsche, sind jedoch in der Anschaffung zunächst wesentlich teurer. Das ist oft eine Hürde, vor allem für Menschen mit geringem Einkommen. Zusätzlich ist auch die Verfügbarkeit eingeschränkt und die Aufklärung sehr unterschiedlich.
The Female Company versuchte es mit der Veröffentlichung des Videos „One Girl One Cup“, dass die richtige Benutzung einer Menstruationstasse zeigt, auf der Webseite Pornhub. Dort wurde es jedoch entfernt, weil es zu „Explicit” sei. Die Urheberinnen verteidigen ihren Schritt, denn täglich erreichen sie ähnliche Fragen zu Handhabung und man kann es nicht besser erklären, als es zu zeigen.
„Man muss nur den Dreh rausbekommen“, meint Franziska Schaden vom Flut-Magazin, da würde das Video gut helfen. Sie kann aber auch die Zurückhaltung verstehen: „Es ist schon ein relativ großes Ding, was man sich da reinschiebt, und auch das Rausholen ist knifflig.“ Da müsste es mehr Anleitung geben, damit keine Panik aufkommt.

Könnte bald an der FSU Alltag sein.
Zeichnung: Jasmin Nestler

Franzi benutzt selbst eine Menstruationstasse und gehört damit zu einem geringen Anteil an menstruierenden Personen, die wiederverwendbare Produkte benutzen. „Die Menstruationstasse ist mittlerweile im Mainstream angekommen“, sagt Franzi, das Gefühl hat auch Klara. Je jünger die Person, desto wahrscheinlicher ist der Gebrauch von wiederverwendbaren Menstruationshygieneprodukten. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und die praktische Handhabung waren für Franzi die Hauptgründe, zur Menstruationstasse zu wechseln.
Das Bereitstellen von Tampons und Binden ist ein Versuch, von unten etwas zu ändern. Die Auseinandersetzung durch die direkte Konfrontation mit Menstruationshygieneartikeln könnte eine Tabulockerung bewirken. „Man muss das Thema sichtbarer machen“, sagt Klara. Auch Franzi ist der Meinung, dass das Tabu noch sehr stark ist, vor allem in der Werbung: „Alles ist unsichtbar, sauber, gut riechend und man ist fröhlich. Die Hormone, die sich auf die Stimmung und schmerzlich auf den Körper auswirken, werden komplett vernachlässigt.“
Früher wurden Frauen für ihre Fruchtbarkeit verehrt, bis ein zunehmendes Verstecken von Menstruation, Sex und Schwangerschaft durch Kleidung, Praktiken und im täglichen Dialog einsetzte. Seit den 1950er Jahren hat sich das an vielen Stellen gelockert, aber vor allem Menstruation ist noch immer ein Tabuthema. „Wenn man sich einen Tampon leiht, ist es immer wie so ein Drogenaustausch“, meint Franzi.
Der Antrag wird jetzt dem Senat vorgelegt, woraufhin sich entscheidet, ob sich die Uni beteiligt oder nicht. Wenn der Antrag umgesetzt wird, ist das eine Chance für die FSU, als erste Hochschule in Deutschland dem Beispiel von Schottland und Neuseeland zu folgen.

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