Master of Desaster

Ab dem Wintersemester soll es an der FSU den internationalen Master „International Organisations and Crisis Management” geben. Wir haben uns mit dem Politikwissenschaftsprofessor Rafael Biermann darüber unterhalten.

Gefragt hat Annika Nagel

Was hat Sie dazu bewogen, den neuen Master anzubieten?
Die Idee entstand schon 2016 – lange vor Corona. Ausgangspunkt war, dass sich viele Studierende eine stärkere Spezialisierung im Master wünschen und deshalb an andere Unis gehen. Etwa um Entwicklungspolitik in Duisburg zu studieren. Daraufhin haben wir beschlossen, uns zu verstärken und eine klare Spezialisierungsmöglichkeit zu eröffnen.

Warum gerade dieses Thema?
Wir haben unsere Stärken analysiert und festgestellt, dass wir in diesem Bereich gut aufgestellt sind. Ich selbst arbeite viel zu internationalen Organisationen, Friedens- und Konfliktforschung. Dazu kommt Olaf Leiße mit dem Fokus auf Europäische Integration und Christian Kreuder-Sonnen, der sich sehr viel mit Pandemien beschäftigt hat. Hinzu kommt in Kürze die neue Professur für Umweltpolitik zusammen mit dem Helmholtz-Institut in Leipzig, womit wir auch Umweltkrisen abdecken können. Gleichzeitig haben wir ein sehr breites Netz an Kontakten, sowohl in Regierungen als auch in Organisationen, sodass wir Themen abdecken können, in denen wir selbst nicht spezialisiert sind.

So vielseitig wie die Krisen weltweit ist auch der neue Masterstudiengang.
Collage: Annika Nagel

Was macht Ihren Master aus?
Eine Besonderheit ist, dass das dritte Semester verpflichtend im Ausland stattfindet. Damit führen wir als einer der ersten Studiengäne in Jena ein obligatorisches Auslandssemester ein. Um möglichst für jeden Studierenden einen Platz zu bekommen, haben wir in den letzten Jahren intensiv daran gearbeitet, Kontakte zu Partneruniversitäten weltweit zu knüpfen. Wir sind noch nicht am Ziel, aber wir waren schon erfolgreich.
Das Programm umfasst außerdem jährlich eine Sommerschule und einen Blockkurs vor Studienbeginn zum Kennenlernen und interkulturellen Austausch. Erweitert wird das Studium zusätzlich durch Sprachausbildung und dem Besuch interdisziplinärer Veranstaltungen.

Mit welchen Krisen wird sich im Master beschäftigt?
Ich gehe davon aus, dass wir in der internationalen Politik ein permanentes Krisenproblem haben und nur von einer in die nächste springen. Wenn man sich die letzten Jahre anschaut, wird das deutlich: Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Pandemie.
Der Kernbereich wird sicher Friedens- und Konfliktforschung sein. Was wir zudem thematisieren, sind internationale Finanzkrisen, Pandemien, Flüchtlingskrisen, Krisen, die durch die Verletzung von Menschenrechten und Minderheitenrechten ausgelöst werden, Naturkatastrophen und Umweltkrisen – sowohl natürliche als auch menschengemachte.

Haben sich die Herausforderungen durch Krisen in der letzten Zeit verändert?
Sie haben sich auf jeden Fall verändert. Es gab schon immer Krisen und Konflikte: Vietnamkrieg, die Berlinkrisen – das sind keine neuen Phänomene. Im Kalten Krieg gab es auch schon die Umweltproblematik. Die ist in den 1970er Jahren aufgekommen und da gab es bereits Studien mit großer Breitenwirkung, beispielsweise zu den Grenzen des Wachstums. Es gab auch schon immer Naturkatastrophen, Menschenrechtsverletzungen oder ähnliches. Aber es hat eine Verschiebung stattgefunden. Im Bereich Menschenrechtsverletzungen ist die Bereitschaft zur Kritik bis hin zu Interventionen deutlich gewachsen.

Was glauben Sie, haben wir aus der Krise eher gelernt oder hat sie uns eher geschadet?
Wir haben einen enormen Verlust an Menschenleben und an Wirtschaftskraft zu verzeichnen. Die Langzeitfolgen in Deutschland und international werden eher noch unterschätzt. Gerade die junge Generation wird das spüren, denn der Gürtel wird irgendwann enger geschnallt werden müssen. Allein die Bundesregierung gab letztes Jahr mehr für Zinszahlungen als für Bildung oder Gesundheit aus. Das wird nach 2020 noch deutlich mehr sein. Je höher die Zinsen sind, desto kleiner wird der Spielraum für Ausgaben jeglicher Art.
In der internationalen Politik haben wir nicht viel gelernt, fürchte ich. Denn die meisten internationalen Organisationen wurden marginalisiert, auch die Europäische Union. Selbst die Weltgesundheitsorganisation wurde vom Rückgriff auf nationale Lösungsmuster erfasst. Der bevorstehende Austritt der USA aus der WHO ist ein sehr problematischer Lerneffekt. Nach dem Motto: Mit der WHO kann man nichts mehr anfangen, also treten wir aus. Und die USA ist der größte Geldgeber, was bedeutet, es wird viel weniger Geld für Hilfsprogramme wie Aidsvorsorge geben, wenn die Entscheidung nicht rückgängig gemacht wird.

Prof. Dr. Rafael Biermann
Foto: Privat

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