Sie sind wieder da

An der FSU können nun wieder kleine Gruppen Studierender im Hörsaal sitzen – weiterhin warnen einige Dozierende vor den Folgen des Digitalsemesters.

von Mathis Brinkmann

Wer sich für eine Vorlesung bei Professor Paulus einschreibt, den erwartet ein dramatisches Intro: ein Drohnen-Flug über Jena, verschiedene Kameras und Streicher-Musik im Hintergrund. Dann steht da der Physiker mit fränkischem Dialekt und Fliege und bringt seinen Studierenden im YouTube-Livestream die Welt der Experimentalphysik näher. „Ein besonderes Fach“, sagt Paulus. Denn die Studierenden müssen Mathematik, mit der sie während ihrer Schulzeit nicht in Berührung gekommen sind, auf komplexe Physik anwenden. Paulus hat sich deswegen besonders Mühe gegeben beim Umstieg aufs Digitale: Eine professionelle Streaming-Firma nimmt seine Vorlesung im hölzern vertäfelten Hörsaal des Physik-Gebäudes mit modernster Technik und verschiedenen Kameras auf. In normalen Zeiten überträgt die Firma die Boulder-Bundesliga. 

Physik-Professor Paulus weiß, wie man eine gute Optik macht.
Foto: Simon Stützer, Boulder-Bundesliga

Von den Studierenden erhält Paulus positive Rückmeldungen, er selbst zieht aber ein kritisches Fazit. „Was uns die Digitale Lehre zuerst gezeigt hat, sind ihre Grenzen“, sagt er. Es gebe noch keine Technologie, die in der Lage sei, menschliche Interaktion zu ersetzen. Darum freut er sich umso mehr, seit dieser Woche wieder vor seinen Studierenden lehren zu können – zumindest einer kleinen Gruppe von ihnen.
Bis zu 30 Personen dürfen laut einer Mail der Universitätsleitung vom 18. Juni bei der Aufnahme einer Online-Vorlesung dabei sein. Damit macht die Uni eine kleine Kehrtwende, mit der viele nicht gerechnet hatten. Auch für Studierende, die an Abschlussarbeiten schreiben, sowie für wissenschaftliche Tagungen gilt die Teil-Rückkehr zur Präsenz – natürlich nur unter Einhaltung von Maskenpflicht und Abstandsregeln in den Universitätsgebäuden. Wie viele Dozierende letztlich von der Regeländerung Gebrauch machen werden, bleibt offen. Denn viele nehmen ihre Vorlesung auch vom heimischen Schreibtisch auf. Paulus begrüßt die Maßnahme dennoch. Er war es schließlich auch, der sich im Senat der Uni für die „hybride Lehre“ eingesetzt hat, einen Mix aus Digitaler und Präsenz-Lehre. 
Möglicherweise hat dabei auch die „Verteidigung der Präsenzlehre“ ihren Anteil gehabt – eine Petition, die in kurzer Zeit rund 5.000 Dozierende aus dem deutschsprachigen Raum unterzeichnet haben. Sie fordern darin „eine vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche Rückkehr zu Präsenzformaten“ und kritisieren, dass digitale Lehre Austausch, Diskussion und Auseinandersetzung nicht ersetzen könne.

Führt digitale Lehre zu Einsparungen?

Eine der Erstunterzeichnerinnen ist Andrea Esser, Philosophie-Professorin an der FSU und Mitglied der Akademie für Lehrentwicklung. Sie stellt klar: „Ich bin überhaupt keine strikte Gegnerin der digitalen Lehre.“ Dennoch sieht sie die Nachteile der Lehrform: „Das funktioniert irgendwie, aber wünschenswert ist es nicht.“ Immer wieder gebe es technische Probleme, ihr fehle die Rückmeldung der Studierenden und im Vergleich zur normalen Lehre sei der Aufwand doppelt so hoch. Den Verteidigern der Präsenz geht es nicht darum, die Studierenden so schnell wie möglich wieder in die Hörsäle zu karren. Eher haben sie Angst, dass das Digitalsemester längerfristig zu weniger Präsenz an Hochschulen führt. „In anderen Ländern sehen wir eine solche Entwicklung bereits“, erklärt Esser – in Indien oder China beispielsweise. Dort habe man erkannt, dass digitale Lehre zu Einsparungen bei Räumen und Personal führen kann.
Verliert die Lehre in Präsenzform also durch Corona ihren Wert? Diese Sorge kann Professorin Iris Winkler nicht nachvollziehen. Sie ist Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der FSU und koordiniert den Umstieg aufs Digitale in diesem Semester. „Eine Universität wie unsere ist eine Präsenz-Universität, die von Begegnungen und persönlichem Austausch lebt“, weist Winkler die Sorge zurück. Aus ihrer Sicht ist der Umstieg auf Online-Lehre gut gelungen – gerade in der kurzen Zeit. Mit Blick auf die Zukunft hält Winkler fest: „Einige der Lehrformate, die sich jetzt als sinnvoll erweisen, können nach Corona auch weiterentwickelt werden.“ Das bedeute aber nicht, dass Dozierende überflüssig werden. Schließlich ist Digitale Lehre aufwendig und muss gepflegt werden. Dennoch läuft auch aus Winklers Sicht nicht alles rund in diesem Semester. Unterschiede in der Qualität der Lehre möchte sie nicht schönreden, aber: „Die gibt es eben auch im normalen Lehrbetrieb.“
Hybride Lehre und Anwesenheit einiger weniger sind nun die Antwort der Uni auf die zunehmenden Lockerungen der Corona-Maßnahmen: Seit Mitte Juni sind die Kontaktbeschränkungen in Thüringen aufgehoben – auch wenn weiterhin empfohlen wird, sich nicht mit mehr als 10 Personen zu treffen. Doch während nun wieder einige Schulen in den Präsenzbetrieb übergehen, ist dies an Hochschulen nicht so leicht möglich, warnt Vizepräsidentin Winkler. Laut einer Studie der Cornell University aus den USA steckt in den wechselnden Zusammensetzungen, in denen Studierende lernen, ein größeres Ansteckungsrisiko als an Schulen. „Die Gruppen ändern sich immer wieder und damit steigt das Infektionsrisiko.“

Präsent oder digital? Wie wird im Wintersemester gelehrt?

Darum lasse sich jetzt auch noch nicht absehen, wie die Lehre im Wintersemester aussehen wird, sagt Winkler. Andere Universitäten – in Bremen oder Rheinland-Pfalz – haben bereits ein „Hybrid-Semester“ für den Winter ausgerufen. Auch in Jena läuft es wahrscheinlich auf eine Weiterführung der hybriden Lehre hinaus, erklärt sie. Denn das Modell hat einen entscheidenden Vorteil: Sollte die Pandemie wieder stärker werden, kann man schnell zu digitaler Lehre zurückkehren – andersherum ist das schwieriger. Deswegen gibt die Uni den Dozierenden vor: Plant mit Online-Lehre. Man wolle eine Situation wie in diesem Semester verhindern. Damals mussten Dozierende innerhalb von zwei Wochen ihre Lehre auf digital umstellen. 
Auch aus Sicht der Studierenden braucht es Planungssicherheit für das kommende Semester, findet Professorin Esser. Schließlich müssen sie Wohnungen suchen oder Visa beantragen. Besonders die Erstsemester soll die Uni im Blick haben, findet Physiker Paulus – auch diejenigen, die seit dem Frühjahr eingeschrieben sind: „Die kennen ja gar nicht die Universität, an der sie studieren“. Sie sollen bevorzugt die wenigen freien Plätze im Hörsaal bekommen, kündigt auch Vizepräsidentin Winkler an. Aber auch das kann eng werden: Unter Einhaltung der Abstandsregeln steht nur noch ein Viertel der Plätze zu Verfügung. „Unter normalen Bedingungen haben wir schon Raummangel“, klagt Winkler.
Wobei sich alle drei einig sind: Das Digitalsemester wird seine Auswirkungen auf die Art der Lehre haben. Paulus berichtet, er habe einiges gelernt, was er im Präsenzbetrieb auch nutzen werde, gerade die Umfragen können auch mal für die eine oder andere Scherzfrage genutzt werden.

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